Reaktionen auf US-Wahl: Die Angst der deutschen Wirtschaft vor Donald Trump
Siegfried Russwurm, Markus Krebber, Nikolas Stihl, Guillaume Faury
Foto: dpa Picture-Alliance , imago imagesAirbus-Chef Guillaume Faury gibt sich betont entspannt, wenn es um die Folgen einer protektionistischen Wirtschaftspolitik von Donald Trump geht. „Wir sind vorbereitet, weil wir wissen, wie sich das anfühlt“, erklärte der 56-Jährige – einige Tage vor der Wahl.
Ob er diese Gelassenheit behält, jetzt, wo das Szenario Realität geworden ist? Vernünftig wäre es wohl eher nicht. Der Flugzeughersteller Airbus nämlich dürfte als einer der ersten Konzerne die Folgen der Regentschaft Donald Trumps zu spüren bekommen, wenn der nun gewählte US-Präsident auch nur in Ansätzen wahrmacht, womit er im Wahlkampf gedroht hat: Protektionismus, wo immer es möglich ist.
Unseliger Vorreiter?
Ein solcher Anlass dürfte schon bald der ungelöste Streit zwischen der EU und den USA um Subventionen für den Flugzeugbau sein. Hier gilt derzeit die Übereinkunft, bis 2026 jene Strafzölle auszusetzen, die Trump selbst 2019 verfügt hatte. Bis zu 15 Prozent Zoll wurden seinerzeit auf die Lieferung von Flugzeugen und deren Teile fällig. „Die Einigung könnte Trump einfach kassieren, als schlechten Deal für die Hersteller in den USA“, fürchtet ein Airbus-Insider.
Die Flugzeugbranche könnte damit zum unseligen Vorreiter einer Entwicklung werden, die unter Donald Trump bald viele weitere Industrien erfassen dürfte. Branche für Branche, fürchten nun viele, könnte der neue US-Präsident in den kommenden vier Jahren versuchen, über protektionistische Maßnahmen zu helfen. Und selbst jene Wirtschaftszweige, die das nicht treffen sollte, dürften von den vielen weiteren einschneidenden Veränderungen betroffen sein, die Trump in den vergangenen Wochen skizziert hat.
Dabei dürfte der Nutzen vieler Maßnahmen für die USA fraglich sein, wie sich schon an den Erfahrungen aus der Flugbranche zeigt. Dort verteuerten die Zölle zwar den Kauf neuer umweltfreundlicherer Flugzeuge aus Europa. „Das bescherte vor allem den Fluglinien höhere Kosten“, so Faury. Weil laut der Kaufverträge die Airlines den Aufschlag tragen mussten, verteuerte das die Betriebskosten – ohne dem Boeing-Konzern, der eigentlich von den Strafzöllen profitieren sollte, zu helfen. Produktionsprobleme machten eine Erhöhung der Absatzmengen unmöglich – zugleich litt der Gigant ebenso wie die US-Zulieferer darunter, dass der Einkauf europäischer Teile teurer wurde.
„Massiver Schaden“ auch für die USA?
Auf diese Erkenntnis setzt nun Siegfried Russwurm, Chef des Industrieverbands BDI: „Trumps im Wahlkampf geäußerten Pläne zu zahlreichen neuen Zöllen besorgen die deutsche Industrie. Flächendeckende Zölle von zehn oder gar 20 Prozent auf alle Importe und von 60 Prozent auf Einfuhren aus China würden nicht nur Deutschland und der EU, sondern auch der US-Wirtschaft massiv schaden.“
Hart würde das auch die Autobranche treffen, wie sich schon am Tag nach der Wahl in purzelnden Börsenkursen zeigt. „Die schon länger schwelende Exportschwäche der deutschen Autohersteller wird sich nun weiter verschlimmern“, fürchtet der Branchenanalyst Stefan Bratzel, der weniger die Konzerne selbst bedroht sieht – sehr wohl jedoch deren deutsche Standorte. „Der Trend, immer größere Teile der Fertigung und Wertschöpfung in die jeweiligen Exportländer zu verlagern, ist ja schon seit Jahren in Gang und wird durch eine vermutlich sehr protektionistische Trump-Administration noch weiter verstärkt“, fürchtet Bratzel. Für die erfolgsverwöhnten Manager und Beschäftigen deutscher Autowerke seien das insgesamt keine guten Aussichten: „Neue Werke werden – wenn überhaupt – dann in China und den USA gebaut werden. Dass man ein komplettes Auto mit allen Zulieferteilen in Deutschland baut und nur verschifft, wird auf lange Sicht die Ausnahme sein.“
Ende des Offshore-Booms
Hildegard Müller, Chefin des Branchenverbands VDA, wird sich deshalb vor allem bemühen, in den USA die Bedeutung der deutschen Autoindustrie für den dortigen Industriestandort zu vermitteln. „Die USA sind ein wichtiger Bestandteil im Produktionsnetzwerk der deutschen Automobilindustrie, auch von dort aus wird der Weltmarkt bedient“, so Müller. 138.000 Menschen beschäftige die Industrie dort. Im vergangenen Jahr hätten die deutschen Hersteller in den USA 900.000 Fahrzeuge gefertigt, so viele wie nie zuvor – den Großteil für den Export. „Somit profitiert der Automobilstandort USA vom internationalen Handel und dem Engagement der deutschen Automobilindustrie“, sagt Müller.
Ähnlich unmittelbar wie für die Flugbranche dürften die Folgen auch in der Welt der Erneuerbaren Energien zu spüren sein – vor allem für die Hersteller und Betreiber von Offshore-Windkraftanlagen. Mit Steuergutschriften im sogenannten Inflation Reduction Act (IRA) hat Amtsinhaber Joe Biden 2022 ein milliardenschweres grünes Konjunkturprogramm aufgelegt, das den Sprung der USA in die Klimaneutralität anschieben sollte. Vor allem der deutsche Energiekonzern RWE hat in den vergangenen Jahren massiv in den USA investiert, übernahm 2022 die Erneuerbaren-Sparte des New Yorker Konzerns Con Edison für knapp 7 Milliarden Euro. Man werde nun zu einem „führenden Unternehmen für Erneuerbare Energien in den USA“, hieß es. Auf einen Schlag wurde RWE zur Nummer zwei bei der Fotovoltaik. 35 Prozent der Investitionen bis zum Jahr 2030 sind für das Land vorgesehen, 30 Prozent der installierten Kapazität sollen sich dann dort befinden. Immer wieder hat RWE-Chef Markus Krebber das einfache, klare Fördersystem des IRA gelobt.
Nicht alle Republikaner auf Trumps Seite
Donald Trump dagegen hat im Wahlkampf versprochen, den Inflation Reduction Act (IRA) zu widerrufen. Erst in der vergangenen Woche sagte Trump bei einer Wahlkampfveranstaltung in Albuquerque im US-Bundesstaat New Mexiko, er werde den Inflation Reduction Act „sofort“ beenden. Mit einer möglichen republikanischen Mehrheit in beiden Kammern des Parlaments hätte Trump auch weitgehend Durchgriff.
Ob dieser Durchgriff ganz so radikal sein wird wie angedroht, ist allerdings offen. Immerhin gibt es auch bei den Republikanern Befürworter und Profiteure des Konjunkturprogramms. Vor allem republikanische Gouverneure und Abgeordnete aus Staaten wie Georgia und Tennessee setzen auf grüne Jobs. Sie dürften Trump vor Einschnitten warnen. Die Förderung von Fotovoltaik und auch Windprojekten an Land gilt als sicherer als die Förderung von Offshore-Projekten.
Bis 2030, so sehen es die Ziele von Joe Biden bisher vor, soll Offshore eine Kapazität von 30 Gigawatt aufgebaut werden. RWE etwa hat bei Auktionen Zuschläge für Windparks vor der Küste Kaliforniens, im Golf von Mexiko und vor der Küste New Yorks erhalten. Trump hat allerdings immer wieder verkündet, er werde Genehmigungen an „Tag eins“ seiner zweiten Amtszeit per Erlass entziehen. Er fürchte um die Natur, um Vögel, um Wale. „In Bezug auf Offshore-Wind“, warnt Irina Lucke, Vorstandsvorsitzende des deutschen Bundesverbands Windenergie Offshore (BWO), „werden die Anlagenhersteller von Turbinen in den nächsten Jahren keinen Markt mehr haben. Die bisherigen Investitionen von vielen deutschen Akteuren wie zum Beispiel Siemens Energy aber auch RWE werden schmerzhaft an Wert verlieren, GE Vernova, das sich eigentlich nur auf den US-Markt fokussieren wollte, wird mit Einschränkungen keinen Markt mehr haben.“
„Klarheit“ für die kommenden vier Jahre
Weniger absehbar sind die Folgen für den breiten Mittelstand. „Für die Unternehmen wird es auf allen Ebenen komplexer, von der Produktion bis zur Logistik in die Märkte“, sagt Kai-Nils Eicke, der Familienunternehmen und Mittelständler berät. „Deutsche Mittelständler brauchen separate Fertigungslinien und können keine globalen Produkte mehr verkaufen.“ Betont pragmatisch deutet Nicola Leibinger-Kammüller, Chefin des Laserherstellers Trumpf, den Regierungswechsel, erkennt sogar Vorteile: „Mit Blick auf das Inlandsgeschäft in den USA erwarte ich, dass die Bestellungen wieder anziehen werden, da jetzt „Klarheit herrscht“ für die kommenden vier Jahre. Statistisch gesehen waren Wahljahre in Amerika immer schlechte Umsatzjahre für Trumpf in unserem wichtigsten Auslandsmarkt.“
Für Nikolas Stihl, Vorsitzender des Beirats und Aufsichtsrats des gleichnamigen Motorsägenherstellers aus Waiblingen, ist die US-Wahl sehr relevant – in Virginia Beach befindet sich die weltweit größte Produktionsstätte von Stihl. Der deutsche Weltmarktführer macht rund ein Drittel seiner Gesamtumsätze (5,3 Milliarden Euro) in den USA – die Vereinigten Staaten sind damit der wichtigste Einzelmarkt des Familienunternehmens. Stihl sagt nun, er würde „es begrüßen, wenn Donald Trump seine zweite Amtszeit als Chance versteht, der Zerrissenheit im Land ein Stück weit entgegenzuwirken“. Er sei zuversichtlich, dass Trumps Politik „die Wettbewerbsfähigkeit der USA stärken und ein günstiges Investitionsklima schaffen wird“. Gleichzeitig gehe er davon aus, „dass unter Trump der Protektionismus zunehmen wird und Europa sich auf eine deutlich aggressivere Handelspolitik einstellen muss“.
Krypto-Welt jubelt
Markus Steilemann, Chef des Chemiekonzern und Sprecher des Branchenverbands VCI, glaubt an die wirtschaftliche Vernunft einer Trump-Regierung. „Ich hoffe, dass unter Präsident Trump die guten transatlantischen Beziehungen weiter Bestand haben werden. Unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt: Die USA bleiben ein wichtiger Handelspartner für die deutsche Chemie- und Pharmaindustrie und ein interessanter Auslandsstandort.„ Ähnlich schätzt Evonik-Chef Christian Kullmann die Lage ein: „Wir rechnen damit, dass die USA ihre erfolgreiche industriefreundliche Wirtschaftspolitik der vergangenen Jahre fortsetzen werden“, kommentiert der Chef des Essener Chemiekonzerns.
Der Branchenverband der deutschen Tech-Industrie, Bitkom, erwartet, dass der künftige US-Präsident seinen schon bei der ersten Wahl im Jahr 2016 vorexerzierten protektionistischen Kurs weiter durchziehen dürfte. „Die USA werden sich dauerhaft von Europa ab- und dem asiatisch-pazifischen Raum zuwenden“, erwartet Bitkom-Präsident Ralf Wintergerst. „Unsere größten Herausforderungen müssen wir künftig eigenständig lösen: eine CO2-freie, stabile Energieversorgung, digitale Souveränität, Schutz vor hybriden und militärischen Angriffen.“
Ähnlich bewertet Start-up-Investor und Höhle-der-Löwen-Juror Frank Thelen die Situation: „Die Börse und Krypto-Welt reagieren euphorisch auf Trump als neuen Präsidenten. Wirtschaftlich erwarte ich ein starkes Programm für die USA, getrieben unter anderem durch Deregulierung, aber auch durch Anhebung der Ölproduktion und folglich sinkende Energiepreise“, äußert sich Thelen. Auch er fordert mehr Eigenständigkeit der Alten gegenüber der Neuen Welt als Antwort: „Für Europa sollte die Trump-Wahl der finale Weckruf sein“, sagt Thelen. „Wir brauchen dringend eine autarke Infrastruktur.“ Beispiele sind hierfür in seinen Augen Satelliten, KI, Verteidigung, Chips, Energie. „Im globalen Wettbewerb ist Europa aktuell schlecht aufgestellt“, mahnt Thelen.
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