Social Chain, Movinga, Watchmaster: Das waren Deutschlands spektakulärste Start-up-Pleiten
Lilium hatte fest auf staatliche Unterstützung gehofft, um die Entwicklung und den Bau seines elektrischen Kleinflugzeugs zu finanzieren.
Foto: REUTERSMit der Vision von vollelektrischen, senkrecht startenden und landenden Fliegern sorgte der Flugtaxi-Entwickler Lilium jahrelang für Furore. Doch nun kämpft Lilium ums Überleben. In einer SEC-Mitteilung kündigte das börsennotierte Unternehmen an, Insolvenzanträge für die deutschen Kerngesellschaften zu stellen.
Wenige Tage zuvor war bekannt geworden, dass das Unternehmen keine Bürgschaft des Bundes erhalten wird. Die Folge: „Die Geschäftsführer haben festgestellt, dass die Gesellschaften überschuldet sind und in den nächsten Tagen nicht in der Lage sind oder sein werden, ihre fälligen Verbindlichkeiten zu begleichen", heißt es in der Mitteilung. Die Insolvenz des Promi-Start-ups dürfte für reichlich Diskussionsstoff sorgen. Und dennoch: Start-up-Insolvenzen sind nichts Ungewöhliches.
Im Gegenteil: Viele einst gehypte Newcomer haben bereits Pleiten hingelegt - und in einigen Fällen gelang auch der Neustart.
Die Pleite der Löwen
Den wohl spektakulärsten Zusammenbruch der vergangenen Jahre legte das Online-Handelsunternehmen The Social Chain hin, für das der Investor Georg Kofler Ende Juli 2023 Insolvenz anmelden musste. Kofler ist durch die Fernsehshow „Die Höhle der Löwen“ bekannt geworden. Ihm und seinem TV-Kollegen Ralf Dümmel hat ein Millionenpublikum dabei zugeschaut, wie sie ihr Geld in vielversprechende Start-ups investierten. Von der TV-Präsenz und -Prominenz profitierte auch ihre gemeinsame Aktiengesellschaft Social Chain. Das Geschäftsmodell: aufstrebende Marken und Unternehmen möglichst günstig kaufen und die Produkte über ein Netzwerk aus Influencern per Social Media vertreiben.
Im November 2021 war das Unternehmen mehr als eine halbe Milliarde Euro wert. Der Kurs der „Löwenaktie“ lag bei über 50 Euro. Dabei lief es intern alles andere als rund. Die Finanzaufsicht Bafin bemängelte im Konzernabschluss des Jahres 2021 Fehlbuchungen in Millionenhöhe. Als der Versuch scheiterte, per Kapitalerhöhung frisches Geld einzusammeln, blieb nur der Insolvenzantrag. Fortan bestimmten die beiden Rechtsanwälte Gerrit Hölzle und Thorsten Bieg von der Kanzlei Görg die Geschicke der insolventen Social Chain. Etliche Beteiligungen wurden abgewickelt. Überlebt hat dagegen die DS-Gruppe. Ausgerechnet Ralf Dümmel, der die DS-Gruppe einst für 220 Millionen Euro an die Social Chain AG veräußert hatte, kaufte den Ableger günstig zurück.
Überzogene Erwartungen, enttäuschte Hoffnungen – das ist nicht nur bei Start-up-Havarien ein Thema, sondern bei fast allen Unternehmenszusammenbrüchen. Doch um Kunden und Investoren zu überzeugen, agiert manch junges Unternehmen wohl allzu selbstbewusst. Entsprechend groß ist dann die Kritik, wenn den großen Ankündigungen keine Ergebnisse folgen. So wie bei Seriengründer Marco Börries und seiner NumberFour AG, kurz: Enfore.
2017 ging es los. Mit einem Mix aus Hard- und Software sowie allerlei Internetdiensten wollte Enfore kleine Händler, Restaurants und Gewerbetreibende in die Lage versetzen, mit den Großen der Zunft gleichzuziehen. Von einer offenen Plattform, „die 200 Millionen kleinen Unternehmen auf der ganzen Welt helfen soll, ihr Geschäft zu führen“, war in einer Pressemitteilung zum Start die Rede. Enfore, so frohlockte Co-Investor Lars Hinrichs, solle ein „zweites SAP“ werden. Doch davon ist das Unternehmen seit dem Insolvenzantrag Ende September 2024 wohl weiter entfernt als je zuvor.
„Insolvenzen sind ein unvermeidlicher Teil des Start-up-Ökosystems und betreffen leider auch immer wieder vormals sehr vielversprechende und mit reichlich Investorenkapital ausgestattete Firmen“, sagt Arnas Bräutigam, Co-Founder des Start-up-Analysedienstes Startupdetector. Für die WirtschaftsWoche hat er zahlreiche solcher früheren „Highflyer“ herausgefiltert. Unternehmen also, die zunächst zwar etliche Finanzierungsrunden durchlaufen haben, denen später aber trotzdem das Geld ausging – weil sich die Marktlage verändert hatte, die Gründer überfordert waren oder sich schlicht das Geschäftsmodell als nicht tragfähig erwies.
Finanzierungskrise im Start-up-Bereich
Laut Bräutigams Daten verstand es etwa das Umzugsportal Movinga, sich in insgesamt 14 Finanzierungsrunden Kapital zu beschaffen – laut der Startupdetector-Analyse ein Spitzenwert. Mit den Finanzierungen einher gingen mehrere Eigentümerwechsel, bis Anfang 2024 schließlich die Insolvenz folgte. Auf zwölf Finanzierungsrunden brachte es das Berliner Handwerker-Startup DF Deutsche Fensterbau, früher als Ventoro bekannt. Die Plattform rund um das Thema „Fenster und Türen inklusive Beratung und Montage“ meldete 2023 Insolvenz an. Und nach immerhin elf Finanzierungsrunden war auch bei der Nickis Bächstädt GmbH, Betreiber eines Online-Store für Luxus-Kindermode, die Geduld der Geldgeber erschöpft. Und nicht nur dort.
Nachdem lange Zeit viel Risikokapital in Neugründungen floss, kam es mit der Zinswende zu einer Finanzierungskrise im Start-up-Bereich. 2022 und 2023 sanken die Investitionen. Wenn überhaupt noch frisches Geld floss, dann im Rahmen von mittelgroßen und großen Finanzierungsrunden von über 100 Millionen Euro, während die Zahl der kleinen Deals unter zehn Millionen Euro einbrach. Doch inzwischen geht es wieder aufwärts. Im dritten Quartal 2024 stiegen die Investitionen von Geldgebern in Wachstumsfirmen sprunghaft, zeigt eine Analyse der Förderbank KfW. Das Volumen lag demnach bei 2,5 Milliarden Euro, ein Plus von 50 Prozent zum Vorquartal und der höchste Wert seit dem zweiten Quartal 2022.
Hilft mehr Risikokapital?
Auch die Zahl der Finanzierungsrunden wuchs laut KfW zum Vorquartal deutlich um 40 Prozent auf 280, darunter fünf sehr große Deals. Damit gab es in den ersten drei Quartalen 885 Transaktionen, bei denen Investoren Wagniskapital an Start-ups gaben. Besonders Geldgeber aus den USA waren im dritten Quartal hierzulande aktiv, gefolgt von deutschen Investoren. Das mache Hoffnung auf einen starken Jahresabschluss, sagte Steffen Viete, Experte für Wagniskapital bei KfW Research. Mit den Leitzinssenkungen der Europäischen Zentralbank und der Zinswende in den USA habe sich das Umfeld deutlich verbessert. Hilft mehr Risikokapital, Pleiten zu verhindern?
Tatsächlich ist Geldmangel oft nur ein Symptom einer unternehmerischen Krise, nicht deren Ursache. Zudem verschärft die kriselnde deutsche Wirtschaft den Druck. Gerade Neugründungen und jüngere Unternehmen sind oft einem höheren Risiko ausgesetzt, in finanzielle Schwierigkeiten zu geraten, als ihre etablierteren Pendants, die schwachen Konjunkturzyklen besser standhalten können. Manchmal kommen aber auch ganz andere Probleme dazu. So wie beim Berliner Online-Luxusuhrenhändler Watchmaster.
Am 19. November 2022 drangen zwei Männer in den Tresor einer ehemaligen Privatbank an der Berliner Fasanenstraße ein. Bilder einer Überwachungskamera zeigen, wie die beiden Täter in Uniformen einer Wachfirma, mit Basecaps und Corona-Masken im Gesicht die Videokameras im Tresorraum mit Farbe besprühen. Anschließend knacken sie rund 1200 Schließfächer – und machen Beute in Millionenhöhe. Denn in den Schließfächern hatte unter anderem Watchmaster Uhren gelagert. Angeblicher Verkaufswert: rund zehn Millionen Euro.
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„Der Einbruch in die Tresoranlage und Diebstahl von rund 1000 wertvollen Uhren im November war der zentrale Auslöser der Watchmaster-Insolvenz“, sagte Insolvenzverwalter Philipp Hackländer von der Kanzlei White & Case damals der WirtschaftsWoche. „Das Geschäft lief zuvor zwar nicht kostendeckend und die bestehende Infrastruktur war – wie bei Start-ups üblich – auf Wachstum ausgelegt“. Aber: „Die Richtung stimmte – bis die Einbruchsmeldung mitten in eine Finanzierungsrunde platzte.“ Die Nachricht „verunsicherte die Investoren, mit denen das Management zu diesem Zeitpunkt Gespräche zur weiteren Finanzierung des Unternehmens geführt hatte.“ Es folgte die Insolvenz.
Als Kriminalinsolvenz lässt sich auch der Fall des Pfandhaus-Start-ups Credicore interpretieren, wenn auch unter anderen Vorzeichen. Dort ging es den Initiatoren wohl nie darum, eine Pfandhauskette aufzubauen, wie Anlegern versprochen wurde, die in Anleihen des Unternehmens investieren sollten. „Vielmehr scheint das Geschäftsmodell auf Betrug ausgelegt gewesen zu sein“, sagte Insolvenzverwalter Malte Köster der WirtschaftsWoche. „Um an die eingeworbenen Gelder der Anleger zu gelangen, gab es offenbar fingierte Ankäufe von Wertgegenständen durch das Pfandhaus“, so Köster. „Neben nahezu wertlosen Teppichen wurden unter anderem Gemälde und Labordiamanten zu mutmaßlich völlig überzogenen Preisen angekauft“, sagt Köster. Seit dem Insolvenzantrag im Dezember 2023 versucht er für die Gläubiger zu retten, was zu retten ist. Viel wird es wohl nicht sein.
Zurück auf Kurs
In anderen Fällen – ohne Kriminalkomponente – stehen die Chancen mitunter gar nicht so schlecht, dass es nach einem Insolvenzverfahren weitergeht. Das börsennotiertes Fintech Creditshelf beantragte beispielsweise im Februar 2024 ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren. Dem Sanierungsteam um Hans Konrad Schenk gelang es, einen Käufer für die digitale Creditshelf-Plattform zu finden, auf der Firmen und Kreditgeber ohne zwischengeschaltete Banken zueinanderfinden sollen. Erfolgreich verlief auch die Rettung der Münchner Gebrauchtwagenplattform Instamotion, die Ende Mai 2024 Insolvenz anmeldete. Schon fünf Wochen später gelang es, einen geeigneten Käufer für den Online-Fahrzeughändler zu finden. Und auch beim Forsa-Konkurrenten Civey geht es weiter.
Ende Januar 2024 verkündete das Berliner Markt- und Meinungsforschungs-Start-up die Einleitung eines Schutzschirm-Insolvenzverfahrens. Hintergrund seien aber weniger finanzielle Probleme als Meinungsverschiedenheiten über die künftige Strategie des Unternehmens, hieß es damals. Deshalb hätten die Gründer und Geschäftsführer Janina Mütze und Gerrit Richter mit ihren Gesellschaftern vereinbart, Struktur und Finanzen neu zu ordnen. Der Plan wurde inzwischen umgesetzt – und Civey ist wieder auf Kurs.
Die Insolvenz muss also auch für den strauchelnden Flugtaxi-Hersteller Lilium nicht das Ende bedeuten. Im Gegenteil: Für neue private Investoren könnte ein Einstieg bei einem – via Insolvenzverfahren – entschuldeten Unternehmen und die Möglichkeit, dort die Kontrolle zu übernehmen, durchaus reizvoll sein.
Transparenzhinweis: Der Beitrag wurde nach Bekanntwerden der Insolvenzpläne für Lilium aktualisiert.
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