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Stefan Wintels, Vorstandsvorsitzender der KfW, während der Jahresauftakt-Pressekonferenz 2025. Foto: PR

Standort Deutschland„Das Interesse an Deutschland ist weiterhin sehr groß“

Stefan Wintels führt Deutschlands größte Förderbank KfW: Im Interview erklärt er, wieso sich die Wirtschaft stabilisiert – und welche Reformen dennoch notwendig sind.Lukas Zdrzalek 22.08.2025 - 17:59 Uhr aktualisiert

WirtschaftsWoche: Herr Wintels, im Frühsommer erklärten Sie in einem Interview: Bei großen internationalen Investoren hätten Sie noch nie einen so „rasanten Stimmungswechsel“ erlebt, was deren Einstellung zu Deutschland angeht. Seitdem zitiert Kanzler Friedrich Merz (CDU) Sie allenthalben als Beleg für die Wirtschaftswende. Wie glücklich sind Sie, das Aufschwungsmaskottchen der Regierung zu sein?
Stefan Wintels: Ich glaube nicht, dass Deutschland ein Maskottchen braucht. Wir brauchen aber ein starkes Zukunftsnarrativ, hinter dem wir uns versammeln können, und das auf das Ziel einzahlt, unsere Wettbewerbsfähigkeit zu stärken.

Bereuen Sie den so oft zitierten Satz inzwischen?
Auf keinen Fall.

Wieso nicht?
Ich habe erst vor wenigen Tagen wieder mit Investoren gesprochen, die mich in meinem Eindruck bestätigt haben. Das Interesse an Deutschland und Europa ist weiterhin sehr groß.

Zur Person
Stefan Wintels, geboren 1966 in Niedersachsen, trat sein Amt als Vorstandsvorsitzender der staatlichen Förderbank KfW im Herbst 2021 an. Seine Karriere begann er in den 1990er Jahren bei der Deutschen Bank, ehe er 2001 zu der US-amerikanischen Großbank Citigroup wechselte. Dort hatte er verschiedene Führungspositionen inne, ehe er sein Amt bei der KfW antrat.

Wie Sie gerade angedeutet haben, fußt Ihre Stimmungswechsel-Aussage auf ein paar Gesprächen mit institutionellen Investoren, etwa mit Fondsgesellschaften und Vermögensverwaltern.
Ich habe mehr als 25 Gespräche mit institutionellen Investoren geführt. Und dabei hat sich das konsistente Bild ergeben, dass diese sehr positiv auf unser Land schauen. Warum? Unter anderem, weil die Bundesregierung die Schuldenbremse reformiert hat. Und weil sich im Koalitionsvertrag der schwarz-roten Bundesregierung ein klares Bekenntnis findet, den Standort zu stärken.

Institutionelle Investoren sind aufgrund ihrer Größe zwar bedeutende Geldgeber, aber 25 Gespräche sind nicht so viel.
Ich habe meinen persönlichen Eindruck aus diesen Gesprächen mit institutionellen Investoren wiedergegeben. Und ich glaube grundsätzlich, dass ich nach mehr als 30 Jahren im Banking einen ganz guten Blick darauf habe, wie einige der größten Investoren der Welt auf unser Land schauen.

Verraten Sie uns, mit wem Sie gesprochen haben?
Ich möchte keine einzelnen Namen nennen, aber es waren vor allem Investoren aus den USA und Kanada, aber auch aus Asien und der Schweiz. Zudem haben sich mittlerweile einige namhafte global tätig Fonds öffentlich geäußert und ihre Investitionsbereitschaft signalisiert. Nun muss es darum gehen, das Momentum für unser Land zu nutzen, das sich bei den Geldgebern wahrnehmen lässt.

Deshalb sollten wir in Deutschland eine positive Stimmung erzeugen
Stefan Wintels
Chef der Förderbank KfW

In dem Stimmungswechsel-Interview erklärten Sie zugleich, zu Jahresanfang hätten Investoren anders auf unser Land geblickt. Wie denn?
Damals habe ich eine Euphorie für den Standort USA gespürt. Sie speiste sich nach der US-Wahl aus den geplanten Steuererleichterungen und dem Bestreben der neuen Regierung, das Land zu entbürokratisieren. Diese Euphorie hat durch die amerikanische Handelspolitik einen großen Dämpfer erlitten. Jetzt wollen Investoren ihr Geld verstärkt auch außerhalb der USA anlegen. Sie schauen auf Staaten mit einer hohen politischen Stabilität, wie sie Deutschland bietet.

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Reden ist das eine. Fließen schon Gelder jener Investoren nach Deutschland, mit denen Sie gesprochen haben?
Diese Investoren sind bereits in Deutschland investiert. Es geht darum, ob sie noch mehr Geld zu uns lenken. Aber natürlich gilt hier, was Erich Kästner gesagt hat: „Es gibt nichts Gutes, außer: Man tut es.“ Dennoch beginnt das Handeln mit dem Denken. Deshalb sollten wir in Deutschland eine positive Stimmung erzeugen. Aus diesem Grund war es mir auch wichtig, von den Gesprächen zu berichten. Vielleicht hilft folgender – zugegebenermaßen hypothetischer – Vergleich, um die Bedeutung der Aussagen der institutionellen Geldgeber zu illustrieren: Wäre Deutschland eine Aktie, würde ich meine Gespräche als Kaufbereitschaft jener Investoren, vielleicht sogar als Kaufsignal für andere Geldgeber interpretieren. Und wie Sie wissen, wird an der Börse immer die Zukunft gehandelt.

Welche weiteren Veränderungen unterstreichen das Kaufsignal für die Deutschland-Aktie noch?
Unser Mittelstandsbarometer, für das wir kleine und mittlere Firmen befragen, ist fünfmal hintereinander in Folge angestiegen. Wir stellen auch fest, dass die Unternehmen die KfW-Kreditprogramme nun schon zwei Quartale lang sehr stark nachfragen. Ich schlussfolgere daraus: Die wirtschaftliche Lage stabilisiert sich.

Sie sprachen dennoch davon, dass Deutschland ein Zukunftsnarrativ brauche. Wieso?
Ich nehme ein Bedürfnis nach einem Zukunftsbild wahr, wohin wir dieses Land entwickeln wollen. Der Koalitionsvertrag gibt dafür eine klare Stoßrichtung vor, die auf der Stärkung der Wettbewerbsfähigkeit liegt. Ich halte das für richtig, damit wir wieder in den Wachstumsmodus kommen. Wir hatten über die vergangenen sieben Jahre kein Wirtschaftswachstum. Das hat es seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges nicht gegeben.

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Können Sie absehen, wann diese Phase endet?
Wir haben gute Voraussetzungen, dass wir 2026 in den Wachstumsmodus kommen.

Das ist doch super.
Unsere Ökonomen prognostizieren für 2026 aber nur einen Zuwachs von 1,5 Prozent. Das reicht nicht, um unseren Wohlstand dauerhaft zu sichern. Für ein höheres langfristiges Wachstum sind große Anstrengungen nötig.

Viele mittelständische Unternehmen müssten zunächst ihre Bilanz stärken
Stefan Wintels
Chef der Förderbank KfW

Verraten Sie uns, welche das sind?
Auch wenn es abgedroschen klingt: Wir müssen die Bürokratie abbauen. Die Kosten dafür sind zu hoch. Ein Beispiel dafür ist das Lieferkettengesetz, das die EU-Kommission derzeit richtigerweise auf den Prüfstand stellt. Das Gesetz verursacht zu viel Aufwand bei den Firmen. Außerdem halte ich steuerliche Anreize für zusätzliche Investitionen für ein Gebot der Stunde. Italien ist diesen Weg zum Beispiel erfolgreich gegangen. Das ist aber sicher ein dickes Brett. Zugleich sollten wir prüfen, ob vor allem Mittelständler mehr Finanzierungsmöglichkeiten benötigen.

Eigentlich gilt bislang: In Deutschland sind enorm viele Banken aktiv, die sehr gerne Kredite an potente Firmen vergeben. Stimmt das nicht mehr?
Doch, aber wir beobachten, dass Investitionen nach wie vor zu selten in Digitalisierungs- und Innovationsprojekte fließen. Viele mittelständische Unternehmen müssten allerdings zunächst ihre Bilanz stärken, um sich anschließend die notwendigen Mittel für solche Vorhaben leihen zu können. Bei der KfW prüfen wir deshalb, welche Finanzierungsinstrumente wir anbieten können, um Unternehmen gezielt bei der Stärkung ihrer Bilanz zu unterstützen.

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Sie durften beim „Made for Germany“-Wirtschaftsgipfel im Kanzleramt teilnehmen. Lassen Sie uns durchs Schlüsselloch schauen: Hatten andere Teilnehmer ähnliche Ideen wie Sie, damit Deutschland langfristig wächst?
Ja, es ging etwa um die Verbesserung der Rahmenbedingungen für Investitionen in unserem Land. Dazu gehören natürlich auch der Abbau der Bürokratie sowie zentrale Regulierungsthemen.

Viel Harmonie, kein Dissens?
Es war ein Schulterschluss zwischen Wirtschaft und Politik, um das Ziel zu betonen, die Wettbewerbsposition Deutschlands zu stärken. Ich persönlich begrüße das.

Teile der Wirtschaft fühlten sich ausgeschlossen, gerade Mittelständler, weil sich beim Kanzler vor allem Konzerne einfanden, die im deutschen Aktienindex Dax gelistet sind. Wie nehmen Sie Stellung?
Jeder sollte offen für Kritik sein. Und ich denke, die Initiatoren nehmen diesen Impuls von außen entsprechend auf.

Der Staat kann sicherlich von Unternehmen lernen, wie das Land eine Zusammenarbeit mit Geldgebern ausgestaltet
Stefan Wintels
Chef der Förderbank KfW

Der zweite Kritikpunkt betraf das Abschlussbild des Gipfels: Darauf waren viele Männer zu sehen, aber nur zwei Frauen.
Dieses Foto beschreibt den Ist-Zustand in vielen Dax-Konzernen. Die Diskussion über das Bild ist deshalb ein Appell an uns alle, mehr Diversität zu ermöglichen. Für die KfW kann ich sagen, dass wir bei diesem Thema weitere deutliche Fortschritte erzielt haben: Unser Vorstand ist paritätisch besetzt, und auf der Ebene unter dem Vorstand haben wir in der KfW den Anteil weiblicher Führungskräfte seit Anfang 2022 auf rund 35 Prozent mehr als verdoppelt.

Es gibt noch einen dritten Kritikpunkt: Der Gipfel produziere zwar Bilder, bewirke aber wenig, weil Unternehmen vor allem bereits geplante Investitionen vorstellten. Ihre Entgegnung?
Wir sollten nicht vergessen: Geplante Investitionen müssen auch immer noch tatsächlich getätigt werden. Das Geld wird nur fließen, wenn Deutschland wirtschaftlich attraktiv ist. Zudem ist mir nicht bekannt, dass es jemals ein so klares Bekenntnis der deutschen Industrie zum Standort gab. Das Signal, das davon ausgeht, ist gerade für ausländische Investoren sehr wichtig: Wir werden Unternehmen aus anderen Ländern nicht von unserem Standort überzeugen, wenn hiesige Firmen nicht in Deutschland investieren.

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Sie haben vorgeschlagen, Deutschland brauche eine Investor-Relations-Strategie, um ausländische Geldgeber zu überzeugen. Was meinen Sie damit?
Eine Investor-Relations-Strategie zielt darauf ab, wie wir uns gegenüber großen Geldgebern positionieren und wie wir die Beziehung zu ihnen pflegen. Die Voraussetzung dafür ist, dass wir eine Gesamtstrategie haben, die wir vorstellen können, und ob es uns gelingt, ein Zukunftsnarrativ zu entwickeln.

Normalerweise verfolgen Konzerne eine Investor-Relations-Strategie, die an der Börse notiert sind. Müssen wir die Bundesrepublik wie eine Aktiengesellschaft anpreisen?
So weit würde ich nicht gehen. Aber der Staat kann sicherlich von Unternehmen lernen, wie das Land eine Zusammenarbeit mit Geldgebern ausgestaltet. Wir können aber auch nach Frankreich oder Großbritannien schauen, die einen solchen Ansatz schon eingeführt haben. In jedem Fall ist eine Investor-Relations-Strategie zentral: Wir befinden uns jetzt in einer Phase, in der die Staatsfinanzen trotz der Reform der Schuldenbremse begrenzt sind, weil wir so viele Investitionen tätigen müssen. Von den großen, künftig notwendigen Ausgaben wird der Staat aber nur 10 bis 20 Prozent stemmen können. Wir sind deshalb darauf angewiesen, privates Kapital zu mobilisieren.

Basis einer Investor-Relations-Strategie müsse eine Gesamtstrategie sein, sagen Sie. Gibt es die?
Der Koalitionsvertrag enthält dafür viele Anknüpfungspunkte. Zudem sollte eine Deutschlandstrategie auf unseren Stärken aufbauen, über die wir bei allen Herausforderungen weiter verfügen. Verglichen mit anderen Ländern haben wir noch immer eine gute Infrastruktur, viele motivierte Arbeits- bzw. Fachkräfte und stabile Rahmenbedingungen. Ich wünsche mir Deutschland als ein Land der Ideen mitten in Europa, welches Lust auf Veränderung hat.

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