Jahrelange Versäumnisse: Warum die Bundeswehr auf einem Haufen Schrott sitzt
Ein Teil der Gefechtshelme muss wegen einer mangelhaften Schraube aus dem Verkehr gezogen werden. Das Verteidigungsministerium teilte im Mai 2015 mit, dass die Schraube nicht ausreichend gegen Splitter geschützt sei. Sie dient dazu, den Helm so einzustellen, dass er fest sitzt. Der Mangel wurde bei Routineuntersuchungen festgestellt. Um eine mögliche Gefährdung der Soldaten im Einsatz auszuschließen, würden die Helme dort zuerst ausgetauscht. „Danach erfolgt auch der Austausch aller betroffenen Gefechtshelme für den Grundbetrieb im Inland“, heißt es in der Mitteilung.
Die Bundeswehr-Gefechtshelme sind aus dem Kunststoff Aramid. Vor 20 Jahren lösten sie den schwereren Stahlhelm ab. Nach einem Bericht des verteidigungspolitischen Blogs „Augen geradeaus!“ stammen die defekten Helme vom spanischen Hersteller Induyco.
Foto: dpaDer Puma ist der teuerste deutsche Panzer, kostet rund 8,85 Millionen Euro pro Stück – und kann offenbar nicht richtig bremsen. Nach einem Bericht der "Welt" haben das Tests des Bundesamts für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBs) in Koblenz ergeben. Die ersten 20 Puma-Modelle aus der Vorserie können ab einer Geschwindigkeit von mehr als 50 Kilometern pro Stunde nicht mehr zuverlässig bremsen und der Bremsweg verdoppelt oder verdreifacht sich. Dem modernsten Gefährt der deutschen Bundeswehr fehlt damit eine der grundlegendsten Fähigkeiten. Aus Sicherheitsgründen wurde die Höchstgeschwindigkeit nun von ursprünglich 70 km/h auf 50 km/h reduziert. Glücklicherweise bemerkte das Bundesamt den Mangel bereits im Teststand für die Motoren.
Der Grund für das Bremsproblem der Pumas liegt im Bremssystem, das angeblich zu leistungsschwach ist, um die 40 Tonnen schweren Panzer zuverlässig zu stoppen. "Jetzt müssen die 20 bereits gelieferten Modelle wieder umgebaut werden", sagt ein Sprecher des BAAINBw. Wie teuer das wird, ist noch nicht klar. Der Hersteller Voith Turbo aus Heidenheim soll jedoch die Verantwortung für die Panne übernehmen.
Foto: dpaNach jahrelangen Untersuchungen hat die Bundeswehr massive Probleme bei der Treffsicherheit ihres Standardgewehrs G36 eingeräumt und erste Konsequenzen gezogen. „Das G36 hat offenbar ein Präzisionsproblem bei hohen Temperaturen, aber auch im heißgeschossenen Zustand“, erklärte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. In den Einsätzen etwa in Afghanistan und im westafrikanischen Mali soll das Sturmgewehr nun nur noch eingeschränkt genutzt werden. Von der Leyen schließt auch nicht aus, dass es mittelfristig ganz aus dem Verkehr gezogen wird.
Die Bundeswehr hat seit 1996 vom Hersteller Heckler & Koch 176.000 G36 gekauft. In den vergangenen Jahren hatte es mehrere widersprüchliche Gutachten über die Treffsicherheit gegeben. Daraufhin hatte von der Leyen im Frühsommer 2014 eine Expertenkommission eingesetzt, um Klarheit zu schaffen. Der Abschlussbericht steht zwar noch aus. Die bisher vorliegenden Bewertungen wiesen aber „in eine eindeutige Richtung“, erklärte von der Leyen. Nach Vorlage des Abschlussberichts im April soll über weitere Konsequenzen beraten werden. „Das schließt auch die Frage ein, ob und inwieweit die Truppe auf mittlere Sicht mit einem anderen Sturmgewehr ausgerüstet werden muss“, sagte von der Leyen.
Foto: dpaMitte September 2014 sorgte diese Panne für Aufsehen und lenkte die öffentliche Aufmerksamkeit nach längerer Zeit wieder auf die Ausrüstungsmängel bei der deutschen Bundeswehr: Weil die Transall-Maschinen der Bundeswehr technische Defekte aufwiesen, konnten die Ausbilder, die kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrer Arbeit gegen den radikal islamischen IS im Irak vorerst nicht zu ihrer Mission aufbrechen. Sie mussten die Maschinen auf dem Militärflugplatz Hohn wieder verlassen. Es ist die jüngste, aber bei weitem nicht die erste Blamage in Sachen Bundeswehrausrüstung.
Foto: APWie jetzt durch einen Bericht der „Süddeutschen Zeitung“ bekannt wurde, gab es auch bei den Bordhubschraubern vom Typ Sea Lynx der Marine erhebliche Ausfälle. Von 22 Maschinen sei keine einzige einsatzbereit, so das Blatt, was sich nach dem der „SZ“ vorliegenden internen Dokument 2014 auch nicht mehr ändern werde. Im Juni wurde demnach in einem Modell einer Fregatte ein 20 Zentimeter langer Riss entdeckt, woraufhin der komplette Betrieb mit dem Modell zunächst eingestellt wurde. Wohl zu Recht: Danach wurden an drei weiteren Hubschraubern ähnliche Schäden gefunden.
Foto: dpaBereits im August gab es Berichte über nur bedingt einsatzfähiges Bundeswehrmaterial. So meldete das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ unter Berufung auf ein internes Dokument des Verteidigungsministeriums, von den hier Schau fliegenden Kampfjets des Typs Eurofighter seien nur acht von 109 Maschinen voll einsatzbereit. Von 67 CH-53-Transporthubschraubern konnten demnach im August ebenfalls nur sieben in die Lüfte gehen.
Foto: dpaUnd auch die Bundeswehrhubschrauber vom Typ NH-90 glänzten nicht gerade mit Bereitschaft: Laut „Spiegel“ waren im Sommer nur fünf von 33 voll intakt, während unter den Transall-Maschinen des Typs C-160 auch damals nur 21 flugtüchtig waren.
Foto: dpaSie hat dieser Tage keinen leichten Job, denn bei ihr laufen die Stränge all dieser Fehlermeldungen zusammen: Katrin Suder, neue Rüstungsstaatssekretärin unter Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen, soll das Rüstungswesen neu ordnen. An sie sind die unangenehmen internen Berichte adressiert, die den Medien zugespielt werden. Und tatsächlich gesteht Suder ein, dass momentan nicht alles rund läuft bei der Bundeswehrausrüstung Mitte September sagte Suder beim so genannten Celler Trialog, einem Treffen der Politik, der Soldaten und der Rüstungsindustrie, das Rüstungsmanagement in Deutschland müsse dringend optimiert werden. Bei dem Kongress wurde auch offenbar, dass das Bundesministerium von den Krisen der Welt in der Ukraine und im Irak eher kalt erwischt wurde: Auch sie habe die „Dynamik der sicherheitspolitischen Entwicklungen der letzten Monate überrascht“, sagte Suder. „Wir brauchen Antworten auf die neuen Bedrohungen“, sagte Suder.
Foto: dpaSie gestand dabei auch ein, dass Deutschland nicht alles können muss: Zwar solle die Bundeswehr breit aufgestellt bleiben, doch andere Staaten müssten dazu beitragen, die deutsche Durchhaltefähigkeit zu stärken. Wenn es nach ihr geht, soll vor allem das Zusammenspiel zwischen Produktion und Beschaffung von Rüstung innovativer werden. „Wir brauchen eine Rüstungsindustrie 4.0“, forderte Suder.
Foto: CLARK/obsDabei würde es für den Anfang eventuell schon reichen, auf seine Hinweise ein wenig häufiger zu hören: Der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages, Hellmut Königshaus (FDP), kritisiert in seinem Jahresbericht 2013 etliche Mängel, die den Mitgliedern der Truppe zu schaffen machen. So lobt er zwar, dass die Probleme in den Auslandseinsätzen der vergangenen Jahre erkannt worden seien und dass darauf mit dem beschleunigten Beschaffungsverfahren für „Einsatzbedingten Sonderbedarf“ gut reagiert werde. Spitzen gegen den desolaten bisherigen Zustand der Bundeswehrausrüstung kann sich Königshaus dabei nicht verkneifen: so habe man „endlich die Rückwand für den MG-Kampfstand auf dem Transportpanzer FUCHS, das sogenannte Krähennest“ beschaffen können – eine Maßnahme, die schon längst fällig gewesen sei.
Foto: dapdMit Sorge notiert Königshaus deshalb, dass das Ministerium die Maßnahme in die so genannte „Sonderinitiative für den Einsatz“ umgewandelt habe – wobei dahinter zumindest potenziell wieder eine Verschlechterung der Beschaffungssituation stehen könne. Das Verteidigungsministerium beschwichtigt in einer Stellungnahme, man evaluiere die Sonderinitiative für den Einsatz ja gerade erst – warum die schnelle Ablösung der vorherigen Regelung nötig wird, geht daraus nicht hervor.
Foto: dapdAuch beim Rückzug aus der ISAF-Mission in Afghanistan sieht Königshaus Probleme mit Blick auf die Ausrüstung der Soldaten: So bereite ihm das Tempo, mit dem Fahrzeuge und Waffen aus Kunduz uns andere aufzulösenden Stützpunkten Sorge, da eventuell die Sicherheit für die Soldaten vor Ort nicht mehr gesichert sein könnte.
Foto: dpaEs bleibe eine große Herausforderung, „die Sicherheit der verbleibenden Soldatinnen und Soldaten zu gewährleisten“, so Königshaus. Auch wenn die Afghanen nun langsam übernehmen und für ihren Einsatz wie hier nahe Kabul trainieren, müsse der Rückzug der Deutschen detailliert durchgeplant sein. Das Bundesverteidigungsministerium hat auf diesen Einwand offenbar keine Antwort parat, es schreibt in einer Stellungnahme nur vage: „Die Sicherheit und der Schutz der Soldatinnen und Soldaten der Deutschen Einsatzkontingente hat immer höchste Priorität.“
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Königshaus bemängelt explizit den Zustand des Transporthubschraubers CH-53. Während es nach seiner Kritik in den vorangegangenen Jahren nun endlich eine Rettungs- und Bergevorrichtung gebe, fehle ein ballistischer Schutz noch immer. Zwar soll bis 2017 nachgerüstet werden, doch das dauere zu lange, so Königshaus. Das Bundesministerium weist die Verantwortung von sich, der Auftrag sei 2011 und somit früh genug erteilt worden. „Das wirft die Frage auf, ob die Festlegung der Geschwindigkeit bei der Herstellung von Schutzmaßnahmen für Soldatinnen und Soldaten privaten Auftragnehmern überlassen werden darf.“
Foto: dpaEin großes Manko stellte laut Königshaus bis Anfang 2014 auch die fehlende Flugverkehrskontrolle an afghanischen Flughäfen dar. In Masar-e Scharif, also dem Standort, wo die Bundeswehr noch relativ lange vertreten sein wird, arbeitete bis März 2014 noch immer kein Airport Surveillance Radar. Das System war zwar installiert, konnte aber eben erst im April 2014 an den Start gehen. Wie so häufig nehmen Projekte also ungewöhnlich viel Zeit in Anspruch, was die Soldaten frustriert.
Foto: dpaWie etwa auch die Planung zu dem Kontrollturm, der seit der ersten Jahreshälfte 2014 in Masar-e Scharif im Einsatz ist: Dort werde die Sicht durch den alten, weiter bestehenden Turm behindert. Das Bundesministerium hält die Situation für angemessen. „Die Betroffenen sehen das anders“, dokumentiert Königshaus und wird noch deutlicher: „Es müssen alle Anstrengungen unternommen werden, die Belastungen der Fluglotsen zu senken und die Sicherheit des Flugverkehrs auf dem Flugplatz Masar-e Scharif zu erhöhen.“
Foto: dapdDie persönliche Ausrüstung der Soldaten ist ein weiterer heikler Punkt. Das zeigt sich etwa auch in entsprechenden Foren, wo sich etwa ein Soldat erkundigt, wie er sich auf einen Auslandseinsatz vorbereiten soll. Mit welcher Materialausrüstung kann er rechnen, was sollte er sich selbst besorgen – das treibt den Soldaten um: „Und bevor jemand unkt, dass wir schon alles vom Dienstherren bekommen, was wir dringend benötigen....jaaaaaaaaa, ich weiß, ich weiß...ihr habt Recht und ich habe es zur Kenntnis genommen. Ich glaube ich sollte es genauer ausdrücken: Ja, die Dinge welche mir vom Dienstherren zur Verfügung gestellt werden, reichen zum (über)leben...bin ich aber bereit, für mehr Komfort Eigeninvestitionen zu tätigen“, schreibt er.
Foto: dpaLaut dem Bericht von Königshaus sind aber auch einige Materialien nicht verfügbar, die durchaus zur nötigen Grundausstattung der Soldaten zu sehen sind: Zwar seien nach langem Dringen nun endlich 80 binokulare und modulare Nachtsichtbrillen für die Bundeswehr angeschafft worden, wie sie die hier zu sehenden australischen Kollegen schon sehr viel länger haben. Doch die Soldaten, die mit Unterstützungshubschraubern des Typs Tiger unterwegs seien, warteten noch immer auf einen Laserschutz. „Das ist vor dem Hintergrund der Bedrohung der Luftfahrzeuge und ihrer Besatzungen durch Laser im Einsatzgebiet Afghanistan nicht hinnehmbar“, schreibt Königshaus.
Foto: REUTERSEntsprechend misslich schätzt der Wehrbeauftragte den Umstand ein, dass ein Laserschutzvisier für Fliegerhelmsysteme nicht vor 2016 verfügbar sei. „Eine zeitnahe Realisierung ist hierfür auf Grund der aufwändigen Maßnahmen am Helm nicht möglich“, gibt das Ministerium in einer Stellungnahme zu der Kritik zu. Airbus Helicopter brauche eben 28 Monate, bis ein Lösungsvorschlag präsentiert werden könne und dann müsse der gewöhnliche Weg der Beschaffung gegangen werden – was zusätzlich mindestens zwölf Monate in Anspruch nehme. Stattdessen wolle man ab Sommer 2014 vorerst mit Laserschutzfiltern im Infrarot- und Grünlaser-Bereich, beschwichtigt das Ministerium.
Foto: dpaDie Probleme, die es neulich bei dem Start der Ausbilder für die Peschmerga-Rebellen in den Irak gab, sind nicht die einzigen Vorfälle, die Ausbildungsmissionen behindern: Sonst steht dem Vorhaben oft im Wege, dass es nicht genügend Maschinen und Personal gibt, um die Soldaten in die Einsätze zu bringen.
Foto: dpaViele Soldaten im afghanischen Einsatz berichteten laut Königshaus, dass eine Verlegung nach Kandahar, dessen internationaler Flughafen im Hintergrund zu sehen ist, zwei bis vier Tage in Anspruch nehme. In einem Fall sei ein Soldat sogar neun Tage unterwegs gewesen. Die Soldaten beschwerten sich explizit über die mangelnde Planbarkeit von Flügen wegen technischer Störungen an diversen Flugzeugen und Hubschraubern. Das Bundesverteidigungsministerium entgegnet: „Dabei handelt es sich innerhalb von Afghanistan um einen häufig anzutreffenden Tatbestand, der alle in diesem Land Reisenden betreffen kann.“
Foto: APWährend sich die aktuellen Meldungen auf Probleme mit Hubschraubern für die Mission Atalanta beschäftigen, gibt es bei Marineeinsätzen wie diesem noch viel grundlegendere Probleme: So gibt es für die Soldaten, die oft lange Zeit von ihrer Heimat und ihren Angehörigen getrennt sind, nicht nur nach wie vor keinen kostenlosen Internetzugang. Auf etlichen Schiffen fehlt auch funktionsfähige Satellitenkommunikation. Für einige Fregatten ist gar nicht mehr vorgesehen, die entsprechende Technik noch zu installieren, bis die Mission ausläuft. Dies sei für viele Fregattenmitglieder eine große Belastung, da ihre Missionen noch bis 2017, 2018 oder gar 2019 im Einsatz sein werden. „Hier besteht dringender Handlungsbedarf“, kommentiert der Wehrbeauftragte.
Foto: dpaWeniger relevant scheint auf den ersten Blick die Forderung der Besatzungsmitglieder nach Sportgeräten an Bord der Marine. Doch offenbar sind die Lücken hier tatsächlich gravierend, sodass die Soldaten kaum noch Verständnis dafür haben, dass sie trotz mehrfacher Hinweise keine Trainingsmöglichkeiten bekommen.
Foto: APDie Bundesverteidigungsministerin sieht den Investitionsbedarf durchaus. Ursula von der Leyen erklärte kürzlich im Rahmen der Haushaltsdebatte des Bundestages, sie wolle 20 Prozent der Etats künftig für eine stetige Modernisierung der Ausrüstung einsetzen, im Haushalt 2015 sollen die Mittel schon auf über 19 Prozent steigen.
Foto: APDie Ministerin, die zuletzt für ihre Selbstinszenierung im Zusammenhang mit dem deutschen Engagement in Konflikten wie im Irak kritisiert worden war, erkennt durchaus, dass die Ausrüstung der Bundeswehr stark gefordert sei. Deshalb sollten ja auch die Mittel zur Wartung und Instandsetzung erhöht werden. Doch von Meldungen, dass die aktuellen Probleme die Einsatzfähigkeit der Truppe teils tatsächlich in Frage stellen, will die Bundesverteidigungsministerin von der Leyen nichts hören. Die Bundeswehr sei trotz aller Meldungen voll einsatzbereit. Von der Leyen erklärte, die Soldaten seien auf die weltweit 17 Einsätze und Soforthilfemaßnahmen im Irak und in der Ukraine gut vorbereitet.
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Ihre Fahrzeuge sind nicht einsatzfähig. Ihre Flugzeuge stranden auf dem Weg nach Afrika auf einer Insel. Bei ihren Helikoptern fällt einfach die Bewaffnung ab. Täglich kommen neue Hiobsbotschaften hinzu. Die Bundeswehr scheint plötzlich nur noch einen Haufen Schrott zu besitzen.
Über das Wort „plötzlich“ können Rüstungsexperten nur lachen. Intern sind die Probleme seit langem bekannt. Dabei ist eine defekte Transall nur Symptom für Probleme, die weit tiefer gehen und den Zustand von Deutschlands Armee grundsätzlich in Frage stellen. Schon 2011 galt keine Armee der Nato als weniger effizient und schlechter ausgerüstet als die Bundeswehr.
Da kann die Regierung noch so sehr betonen, dass die gegenwärtigen Einsätze nicht gefährdet sein: Die Probleme der Bundeswehr sind gigantisch. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen selbst spricht von einer „richtig großen Baustelle“.
„Keiner kümmert sich“
Kein Verteidigungsminister der vergangenen Jahre habe sich intensiv mit dem Grundbetrieb der Armee befasst, räumt von der Leyen mittlerweile selbst ein. „Vergleichen Sie die Bundeswehr mit einem Auto, das weiterverkauft wird“, sagt Heinz Schulte, Chef des Informationsdienstes Griephan und deutscher Rüstungsexperte. „Jeder neue Fahrer weiß, dass Reparaturen nötig wären. Aber so lange noch alles läuft, kümmert sich keiner.“ Statt das Getriebe zu warten, wird neu lackiert.
In den vergangenen Jahren wurde der Bundeswehr sogar Geld für Wartungsaufgaben entzogen. Der Verteidigungsetat lag zuletzt bei 32,8 Milliarden Euro, leicht unter Vorjahreswert. Das reicht laut SIPRI-Bericht immerhin für Platz 7 der Weltrangliste. Gemessen an der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands sind die Militärausgaben aber viel zu gering, sagen Bündnispartner. Die Bundesrepublik gibt nur 1,3 bis 1,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Armee aus. Zwei Prozent gelten auf Nato-Ebene als annehmbarer Wert.
Viel gravierender: Der Anteil der Mittel, der für Material ausgegeben wird, ist in den vergangenen Jahren auf 16 Prozent gesenkt worden. Die Nato gibt 20 Prozent als Ziel vor, besser wären 30. Die Folge des Spardrucks: Wichtige Ersatzteile wurden nicht bestellt und fehlen nun für Reparaturen. Korrigieren lässt sich das nicht so einfach. Die Produktion von komplexen Ersatzteilen dauert Monate, in Extremfällen bis zu zwei Jahre. Die Folgen bekommt die Bundeswehr gerade mit voller Härte zu spüren.
Doch das ist nur die eine Seite des Mängelproblems. Denn trotz aller Baustellen, trotz aller Geldsorgen sind 2013 etwa 1,5 Milliarden Euro an den Bundeshaushalt zurückgeflossen, in diesem Jahr sei es voraussichtlich eine Milliarde.
Das mag am Missmanagement liegen, wie die Opposition gerade betont. Aber auch daran, dass viele Mittel für Rüstungsgüter nicht abgerufen worden, weil die Industrie nicht rechtzeitig lieferte. Und auch das führt zu den hohen Schadens Pannen und Peinlichkeiten. Die Bundeswehr benutzt Geräte, die längst ausgemustert sein sollten. Weil es aufgrund von Lieferproblemen beim A400M keinen Ersatz gibt, muss etwa der veraltete Transportflieger Transall gerade Höchstleistungen bringen und entwickelt sich deshalb zum besonderen Sorgenkind: Gerade einmal 24 von 56 Flugzeugen sind derzeit einsatzbereit.
Verspätungen mit Ansage
Dass sich Rüstungsprojekte verspäten und immer teurer werden, hat Tradition. Der Kampfhubschrauber Tiger wurde seit Mitte der Achtziger entwickelt, ein erster Prototyp flog 1991, aber die Bundeswehr konnte die Hubschrauber erst 2013 nach dutzenden Umbauten, Korrekturen und Modernisierungen zur Unterstützung in Afghanistan einsetzen.
Ebenfalls in den Achtzigern entwickelten Industrie und europäische Armee einen neuen Kampfjet. Es dauerte Jahrzehnte. Der als „Jäger 90“ geplante Flieger wurde erst in Eurofighter 2000 umbenannt und erst 2006 als Eurofighter Typhoon erstmals in Dienst gestellt. Ein Name ohne Jahreszahl schien den Verantwortlichen am Ende wohl sicherer.
Die Konstruktion dauerte nicht nur länger, sie wurde auch sehr viel teurer. 65 Millionen D-Mark sollte das Flugzeug laut Planungen 1988 kosten. Der Stückpreis explodierte, liegt mittlerweile bei knapp 139 Millionen Euro.
Tiger und Eurofighter sind keine Einzelfälle. Seit dem Sommer prüft ein Konsortium im Auftrag des Verteidigungsministeriums die die kostspieligsten Pannen-Projekte. Auf der Prüfungsliste stehen auch das Transportflugzeug A400M, der Transporthelikopter NH90, die Fregatte 125 und das Drohnen-Projekt Eurohawk. Insgesamt werden laut Verteidigungsministerium Waffen-Deals im Gesamtwert von etwa 50 Milliarden Euro unter die Lupe genommen. Keiner davon verlief ohne Probleme, ohne Verspätung, ohne erhebliche Preissteigerungen.
Die Ergebnisse sollen am Montag vorgestellt werden. „Das wird nochmal ungemütlich werden”, kündigte Verteidigungsministerin von der Leyen bereits an. Eine interessante Wortwahl nach den Enthüllungen der vergangenen Tage. Dass es gerade bei großen Rüstungsprojekten immer wieder zu schweren Problemen kommt, hat mehrere Gründe. Sie lassen sich exemplarisch an den Pannen-Projekten von Heer, Luftwaffe und Marine aufzeigen, stehen jedoch nie allein.
Veränderte Grundlagen
Die Schwierigkeiten beginnen schon bei der Ausganglage: Das Verhältnis zwischen Armee und Rüstungsindustrie hat sich in den vergangenen 30 Jahren gewandelt. Zur Zeit des Kalten Krieges bestellte die Bundeswehr gleich Hunderte Leopard-Panzer auf einen Schlag. Mehr als 2100 waren 1990 für die Bundeswehr im Einsatz. Nach Abschluss der Neuausrichtung sollen noch 225 bleiben.
Neue Waffensysteme werden längst in kleineren Stückzahlen bestellt und in den Einsatz geschickt. Mit der deutschen Armee als einzigem Kunden könnte kein großes Rüstungsunternehmen überleben.
Die Unternehmenslogik, die daraus folgt, ist nachvollziehbar: Produziert wird, was sich gut exportieren und verkaufen lässt. Und das ist zunächst einmal Standardware, die in vielen Ländern an zum Einsatz kommt. 2013 betrug der Auslandsanteil des deutschen Waffenkonzerns Rheinmetall schon 72 Prozent. Tendenz steigend.
Sonderwünsche wie Eigenproduktionen oder Umrüstungen für deutsche Bedürfnisse werden erfüllt, kosten aber extra. „Wir haben keine abgestimmte Industriepolitik zwischen der Bundeswehr und einer Industrie, die nicht mehr auf die Bundeswehr angewiesen sein kann“, sagt Rüstungsexperte Schulte.
Airbus A400M
Es sollte das Vorzeigeprojekt von Airbus (früher EADS) werden: Mit dem Transportflugzeug A400M wollten die Europäer den Russen und Amerikanern zeigen, zu welchen technischen Fähigkeiten sie in der Lage sind. Herausgekommen ist ein Desaster. Die Auslieferung der ersten Maschinen war für 2009 geplant, geliefert wurde allerdings bisher kaum eine Maschine. Die Franzosen haben derzeit zwei Maschinen in ihrem Besitz, Deutschland soll 2014 den ersten A400M erhalten.
Quellen: Bund der Steuerzahler, HRI, Bundesverteidigungsministerium
Foto: dpaDie Verzögerungen in der Produktion haben auch die Kosten in die Höhe getrieben. So sollen die Mehrkosten laut Verteidigungsministerium satte 9,3 Milliarden Euro betragen – obwohl die Bundesregierung bereits die Notbremse gezogen hat und Flieger abgestellt hat: Von den ursprünglich bestellten 73 Maschinen sollen der Bundeswehr nun nur noch 40 zur Verfügung gestellt werden. Weitere 13 will Deutschland direkt weiterverkaufen. Käufer wurden bisher allerdings noch nicht gefunden.
Foto: APEurofighter
Die Anfänge des Kampffliegers „Eurofighter“ gehen bis in die frühen 80er-Jahre zurück. Mit ihm wollten die Europäer den übermächtigen sowjetischen Kampfjets etwas entgegensetzen. Doch auf dem Weg der Entwicklung kam Airbus die Geschichte in die Quere. Denn Ende der 80er-Jahre fiel zunächst die Berliner Mauer, später brach die Sowjetunion zusammen. Doch alles kein Problem: Mit großem Verhandlungsgeschick gelang es Airbus die Regierungen in Europa davon zu überzeugen, an dem Projekt festzuhalten.
Foto: CLARK/obsSo sicherte der Rüstungskonzern zu, dass der Eurofighter im Laufe der Jahre immer weiter modifiziert werde und so den neuen Rahmenbedingen angepasst werde. Allerdings zeigten die ersten ausgelieferten Jets etliche technische Probleme, deren Behebung weitere Kosten verursachten. Ursprünglich sollte eine Maschine circa 33 Millionen Euro (Preis von 1998) kosten, am Ende schoss der Preis auf 138,5 Millionen Euro in die Höhe. Die Bundeswehr nimmt daher nur noch 140 von ursprünglich geplanten 250 ab.
Doch es sollte nicht unerwähnt bleiben, dass der Eurofighter trotz aller Probleme ein durchaus konkurrenzfähiges Flugzeug ist. Dies zeigte sich 2005 in einem „Schaukampf“, bei dem zwei amerikanische F-15-Kampfjets gegen eine Eurofighter-Trainingsmaschine antraten und zu Überraschung aller Beteiligten der Eurofighter dieses Gefecht klar für sich entscheiden konnte.
NH 90
Der Mehrzweckhubschrauber von NH Industries sollte das Rückgrat der deutschen beziehungsweise europäischen Hubschrauberflotte werden. 2010 erhielt die Bundeswehr die ersten Helikopter, die von einer Expertengruppe eingehend getestet wurden. Ihr Urteil war vernichtend. Sie kamen zu dem Schluss, dass, wann immer es möglich sei, alternative Luftfahrzeuge zum Transport von Infanteriekräften zu nutzen seien. Die Mängelliste ist lang und skurril. Zum Beispiel ermöglicht die geringe Bodenfreiheit Soldaten nur auf befestigtem Boden den Ausstieg. Außerdem ist die Heckrampe nicht für den Ausstieg ausgerüsteter Soldaten geeignet, da deren Konstruktion zu schwach ist. Doch das noch lange nicht alles...
Foto: dpaDer Innenraum des NH90 ist derart eng bemessen, dass eine Infanteriegruppe mit Gepäck für 24 Stunden nur dann in den Hubschrauber passen würden, wenn sie ihre Waffen und das Gepäck ohne Sicherungen auf den Boden legen. Diese Beengtheit macht eine Anbringung eines Bordgeschützes außerdem praktisch unmöglich, weshalb der Helikopter im Ernstfall mit anderen Mitteln verteidigt werden müsse. Zu guter Letzt können schwere Waffen aufgrund fehlender Gurte nicht transportiert werden. Ursprünglich waren 122 NH 90 geordert worden, letztlich werden es Stand jetzt circa 100 werden. Kostenpunkt: 8,6 Milliarden Euro. Immerhin gibt es zu diesem Preis weitere Kampfhubschrauber im Paket...
Foto: dpaTiger
Und zwar 57 Kampfhubschrauber Tiger. Die Pläne für die Eurocopter-Maschine reichen bis in das Jahr 1984 zurück. Zusammen mit der französischen Regierung gab die Bundesregierung eine Alternative zum PAH-1 in Auftrag. Dieser ging an Eurocopter (Airbus) mit dem Entwurf des Tigers. Dieser Mehrzweck-Kampfhubschrauber sollte in Konkurrenz zum amerikanischen Apache treten.
Foto: REUTERSDer Erstflug fand 1991 statt, doch es sollte noch weitere zwölf Jahre bis zur Indienststellung dauern. Bisher wurden 72 Tiger ausgeliefert. Deutschland hatte mit 80 Stück des Kampfhubschraubers geplant, später diese Zahl aber auf 57 reduziert.
Foto: REUTERSPuma
Der Trend in der Panzerbranche geht vom schweren Kampf- zum leichteren Schützenpanzer. Diese sollen ein Höchstmaß an Flexibilität ermöglichen, um schnellstmöglich zu den verschiedenen Brandherden in der Welt zu gelangen. Die Bundesregierung hatte deswegen den Rüstungskonzern Krauss-Maffei-Wegmann beauftragt, eine neuere Alternative zum Marder herzustellen. Dabei herausgekommen ist der Puma. Allerdings zeigt dieser zum Teil erhebliche Schwächen. So ist das Gewicht des Pumas im Vergleich zur Konkurrenz deutlich höher und sein Auf- und Abbau ist höchst aufwendig, was die Transportfähigkeit des Schützenpanzers einschränkt.
Foto: dpaTrotz der Mängel ist der Puma mit einem Stückpreis von 7,5 Millionen Euro einer der teuerste Schützenpanzer der Welt. Dementsprechend hoch sind die Kosten. Hatte das Bundesverteidigungsministerium ursprünglich mit Kosten in Höhe von 3,1 Milliarden Euro gerechnet (Preis von 2009 für 405 Panzer), erhöhte sich der Preis auf 4,3 Milliarden Euro – und das bei einer auf 350 reduzierten Stückzahl.
Foto: dapdEurohawk
Das wohl bekannteste Rüstungsdesaster Deutschlands: der Eurohawk. Insgesamt hat die Drohe von Northrop Grumman/EADS (Airbus) bereits 662 Millionen Euro verschlungen. Doch im Gegensatz zu den anderen bereits vorgestellten „Rüstungsproblemkindern“ ist der Eurohawk noch nicht einmal einsatzfähig. Ausschlaggebend ist der Kollisionsschutz. Denn während dieser in den USA kaum benötigt wird, unterliegen Drohnen im europäischen Luftraum strengeren Regeln.
Foto: dpaDer eigentliche Skandal aber ist, dass die mit der Produktion und der Beschaffung verantwortlichen Personen bereits sehr früh um diese Problematik wussten. Doch erst nach der Auslieferung der ersten Drohen wurde eingeräumt, dass der Eurohawk in der jetzigen Version gänzlich unbrauchbar ist. Die Zukunft der Drohne ist ungewiss. Es wird an Lösungen des Navigationsproblems gearbeitet, doch bisher ist unklar, ob die Kosten dafür ein Festhalten an dem Eurohawk-Projekt rechtfertigen.
Foto: dpa
Zugleich wollen die großen EU-Nationen aber auch nicht auf die heimische Rüstungsindustrie verzichten. Um den Bestand zu schützen, verteilt auch die Bundeswehr Aufträge häufig bewusst an deutsche Unternehmen. Es ist eine einfache Rechnung mit einem ungünstigen Ausgang für die Bundeswehr: Weniger Bestellungen und die Fokussierung auf heimische Armeen führt zu einer schlechteren Verhandlungsposition. Zudem erzeugt diese Situation weitere Probleme, die sich potenzieren.
Permanente Nachbesserungen
Die Oberen der Bundeswehr wollen für die Soldaten beste und modernste Geräte. Daran ist nichts falsch. Doch von der Entwicklungsphase bis zur Fertigstellung von Panzern oder Flugzeugen dauert es Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. In diesem Zeitraum ändern sich die Anforderungen an das Produkt. Technik wird weiter entwickelt, die Weltlage ändert sich, neue Krisensituationen und Einsatzziele entstehen. Dafür müssen einmal bestellte Fahrzeuge und Flieger angepasst werden.
Das ist nicht so leicht. Die Systeme sind nicht modular aufgebaut, müssen aber perfekt zusammenspielen. Schon eine kleinere Änderung, ein neuer Adapter, ein neuer Anschluss, eine verbesserte Software kann große Änderungen nach sich ziehen.
A400M
Bei der Auslieferung des Militärtransporters A400M an die Bundeswehr zeichnen sich weitere Verzögerungen ab. Entsprechende Signale gebe es von der Organisation OCCAR, die im Auftrag der Abnehmerstaaten mit dem Hersteller Airbus verhandelte, sagte ein Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums am 15. Januar in Berlin. "Wir erwarten jetzt eine Ansage der Industrie", fügte er hinzu. Nach bisheriger Planung soll die Bundeswehr dieses Jahr fünf A400M erhalten. Über die neuerlichen Probleme hatte zuerst das Nachrichtenportal "Spiegel online" berichtet. Das Portal berichtete, schlimmstenfalls werde Airbus dieses Jahr gar keinen A400M an die Bundeswehr liefern. Unter Berufung auf eine interne OCCAR-Analyse hieß es, 2015 könnten bestenfalls zwei weitere Transportflugzeuge an die Deutschen übergeben werden. Grund seien Probleme bei der Produktion der Flugzeug-Rümpfe. Insgesamt erwarte die OCCAR einen Lieferverzug von bis zu sieben Monaten.
Drohne Euro-Hawk
Mit Projektkosten von etwa 600 Millionen Euro ist die Drohne nicht gerade günstig. Jetzt steht das Projekt vor dem Aus. Der Grund: Die Euro-Hawk hat keine Zulassung für den Luftverkehr - Die Kosten für die Nachrüstung würden sich auf 500 bis 800 Millionen Euro belaufen.
IT-Projekt Herkules
Der Name verspricht mehr, als er hält: Es war das ehrgeizigste IT-Projekt in der Geschichte der Bundeswehr - und es wurde zu einem Fiasko. In dem Gemeinschaftsprojekt von Siemens und IBM wollte der Bund die völlig veraltete Informations- und Kommunikationstechnik der Streitkräfte modernisieren. Die Kosten sprengten allerdings den geplanten Rahmen: Die Ursprungskalkulation mit 6,8 Milliarden Euro war bereits 2013 überholt.
Foto: dpaKampfflugzeug Eurofighter
Der Eurofighter - als Jagdflugzeug und Jagdbomber - ist in Deutschland seit 2004 im Einsatz. Die Stückkosten stiegen im Projektverlauf von 65 Millionen Mark (umgerechnet 33 Millionen Euro im Jahr 1988) auf 138,5 Millionen Euro (im Jahr 2012).
Foto: dpaKampfhubschrauber Tiger
Für die Bundeswehr ist der Tiger aus der Produktion der deutsch-französischen EADS-Tochter Eurocopter „der modernste zurzeit auf dem Weltmarkt erhältliche Kampfhubschrauber“. Aber auch hier gibt es Komplikationen: Der Hubschrauber wird deutlich teurer und leistet viel weniger als geplant. Deshalb wurde die ursprüngliche Lieferung 2013 von 80 Stück auf 57 reduziert.
Foto: dpaRaketenabwehrsystem MEADS: Medium Extended Air Defense System
Ein weiteres verfehltes Großprojekt: MEADS sollte bereits 2005 einsatzbereit sein und das veraltete Raketenabwehrsystem Patriot ersetzen sowie als erstes Waffensystem Flugzeuge, Hubschrauber und Marschflugkörper bekämpfen, insbesondere aber taktische, ballistische Raketen mit einer Reichweite von 1000 Kilometern abwehren. Bereits ab der ersten Projektphase kam es bei MEADS zu großen Verzögerungen und astronomischen Kosten: Bis Anfang 2013 beliefen sich die Entwicklungskosten auf rund 1,1 Milliarden Euro - zu viel für die Amerikaner. Die haben dem Projekt den Rücken gekehrt. Die Anschlussverwendung der Ergebnisse bleibt weiter fraglich.
Foto: PresseTransporthubschrauber NH 90
Auch beim NH 90 ist es immer wieder zu Verzögerungen bei der Auslieferung gekommen: Grund dafür sind technische Probleme und mangelhafte Ausstattungsmerkmale. Die Ursprüngliche Lieferung von 122 Stück mit einem Gesamtwert von 4,6 Milliarden Euro wurde erst kürzlich auf 82 reduziert.
Foto: REUTERS
Beispiel A400M: Der dringend benötige Nachfolger der Transall ist seit vier Jahren überfällig. Im Winter diesen Jahres soll Deutschland zwar endlich das erste Exemplar bekommen. Doch der Flieger bereitet offenbar noch immer Probleme. Zudem übersteigen Entwicklung und Herstellungskosten den Plan schon jetzt um einen Milliardenbetrag. Ursula von der Leyen geht öffentlich auf Konfrontationskurs, zetert wegen der verspäteten Lieferung und droht dem Hersteller Airbus wegen der „Minderleistungen” gar mit einem Abnahmestopp.
Für Branchenkenner stellt sich die Situation freilich weniger einseitig dar. „Da kann sich das Ministerium nicht aus der Verantwortung stehlen“, sagt Militärexperte und Unternehmensberater Michael Santo. „Denn die Auftragsvergabe bei der Bundeswehr erfolgt nach einem fatalen Grundprinzip: Ich bestelle, und danach beginne ich an den Spezifikationen zu schrauben, nach und neu zu verhandeln. Die Komplexität wächst ins Unermessliche.“
Gezielte Vergabe an europäische Unternehmen
Für viele Militärexperten hatte schon die Bestellung des Transportfliegers einen Geburtsfehler. Die A400M ist ein Gemeinschaftsprojekt: Am Entwurf waren neben Deutschland auch Frankreich, Spanien und das Vereinigte Königreich beteiligt. Das Konsortium wünschte sich offenbar ein Prestigeobjekt, das in europäischer Eigenregie entsteht. „Statt auf das Triebwerk eines erfahreneren kanadischen Anbieters zu setzen, haben die Regierungen entschieden, Airbus ein neues entwickeln zu lassen“, sagt Schulte. „Das musste ja zu Problemen führen.“
Tatsächlich machten in der Vergangenheit vor allem die Triebwerke Schwierigkeiten. Plötzlich tauchten etwa Metallspäne im Ölkreislauf einer der Antriebseinheiten auf. Und allein weil Luftfahrtexperten die Überwachungssoftware nicht zulassen wollten, verzögerte sich die Auslieferung um ein volles Jahr.
Probleme bei Gemeinschaftsprojekten sind keine Seltenheit. Die gibt es auch beim Langzeitproblem Tiger-Hubschrauber: Wegen den zahlreichen Verzögerungen, Problemen und einer veränderten Bedarfslage reduzierte die Bundeswehr 2013 ihre Bestellung. Statt der ehemals georderten 80 Tiger braucht die Armee nur 57 Exemplare. Das klingt sinnvoll und birgt Sparpotenzial, sollte man meinen.
Doch der Tiger ist kein Projekt eines einzigen Unternehmens, auch wenn Airbus Helicopters die Federführung übernommen hat. Hersteller aus ganz Europa liefern Einzelteile zu – in unterschiedlicher Geschwindigkeit. „Weil die Italiener die hochkomplexen Kampfsitze bereits gefertigt haben, fordern sie für die geringere Bestellung eine hohe Ausgleichszahlung“, sagt Schulte. „Da muss man sich doch fragen, wie wirtschaftlich das noch ist.“
Abstimmung zwischen vielen Partnern
Aber nicht nur bei europäischen Gemeinschaftsprojekten sorgen die unterschiedlichen Interessen der Vertragspartner und vor allem die Beteiligung mehrerer Unternehmen für Probleme und hohe Kosten.
Um nicht auf ein einzelnes Unternehmen angewiesen zu sein, lässt etwa die Marine ihre Flotte von verschiedenen Firmen produzieren. „Ein einzelner Einsatzgruppenversorger wird von einer Arbeitsgemeinschaft aus drei Werften hergestellt“, sagt Schulte. „Das würde natürlich kein Schiffbauer in der Privatwirtschaft machen.“
Die Beteiligung mehrere Produzenten treibt die Kosten in die Höhe. Der Stückpreis der von gleich vier Werften produzierten Fregatte 125 hat sich im Laufe der Entwicklung von 656 Millionen auf 758 Millionen Euro erhöht. Viel zu teuer, sagen Kritiker.
Abstimmungsprobleme zwischen den Werften und Produktionspannen haben die Auslieferung zudem verzögert. Ursprünglich sollten die Schiffe ab 2014 in Dienst gestellt werden. Der Termin wurde immer wieder verschoben. Immerhin: Mittlerweile ist die erste F125 vom Stapel gelaufen. Die anderen werden in einigen Jahren folgen.
Selbst wenn Fahrzeuge und Fluggeräte einmal ausgeliefert sind, reißen die Probleme nicht ab. Mängel werden häufig erst entdeckt, wenn sich die Maschinen unter realen Bedingungen beweisen müssen.
Gerade hat die Bundeswehr mittgeteilt, dass der Eurofighter Qualitätskontrollen nicht bestanden hat. Bohrungen am Rumpf des Kampfjets könnten im schlimmsten Fall zur Ablösung von Bauteilen führen. Als Sofortmaßnahme halbierte der Hersteller Airbus die freigegebene Lebensdauer von 3000 auf 1500 Flugstunden. Für ein Milliarden-Euro Projekt ist das ein herber Schnitzer. Schwachstellen sind aber offenbar bei Neu- und Eigenentwicklungen nie ganz auszuschließen.
Problemanfälligkeit und Wartungsbedarf lassen sich vorab kaum simulieren. Die tatsächlichen Stärken und Schwächen der Produkte zeigen sich erst im Einsatz. Das sorgte schon häufiger für böse Überraschungen. Auch weil beim Zeitpunkt der Bestellung nie ganz klar ist, wo Jets mal fliegen und die Panzer mal rollen werden.
Veränderte Auftragslage
17 Einsätze absolviert die Bundeswehr derzeit. Viele davon sind klein, mit wenigen Kräften zu stemmen. Aber alle sind unterschiedlich. Die Spannbereite reicht vom Kampfeinsatz in Afghanistan über die Piratenjagd vor Afrika bis zur Ausbildungsmission in Mali.
Weil sich kommende Aufgabe schwer einschätzen lassen, sind vor Jahren oder Jahrzehnten bestellte Produkte nicht immer optimal an die neuen Anforderungen angepasst. So bemängeln Militärs etwa das vergleichsweise schwache Bordgeschütz der deutschen Variante des Eurocopter Tiger, die vor allem als Unterstützungseinheit konzipiert worden. Die französische Variante etwa ist stärker bewaffnet, kann im Extremfall besser ins Kampfgeschehen eingreifen.
Ähnliche Kritik gibt es aus Teilen der Truppe am Nachfolger des Transportpanzers Fuchs. Der schwergepanzerte Boxer dient dazu, Soldaten sicher durch feindliches Gebiet zu bringen. Dass er bei Kampfeinsätzen wie in Afghanistan auch gut zur Unterstützung der Bodentruppen dienen könnte, wurde bei der Planung vernachlässigt. Die Bewaffnung ist vielen Militärs zu schwach. Der eher abfällige Ausdruck „gepanzertes Taxi“ macht unter Soldaten die Runde.
Rüstungsexperte Schulte schätzt die Situation als weniger dramatisch ein. „Die große Aufgabenvielfalt der Bundeswehr ist nicht das Problem. Die Armee ist für die Einsätze gerüstet.”
Belastungsgrenze erreicht
Schwierig ist die Vielzahl der Einsätze. Mit ihren Schiffen muss die Marine nicht nur Piraten vor Somalia jagen sondern auch noch amerikanische Schiffen, die chemische Waffen transportieren, Geleitschutz geben. Die Luftwaffe transportiert mit der veralteten Transall nicht nur Soldaten und Waffen, sondern soll auch die Luftbrücke zur Ebola-Hilfe unterstützen.
Trotz Mängelliste und Nachschubproblemen schickt die Bundeswehr Soldaten und Geräte in neue Einsätze. Wie das enden kann zeigt der Fall Transall-Transportmaschine, die auf dem Weg zum Ebola-Hilfseinsatz im Senegal defekt auf Gran Canaria liegengeblieben ist. „Die Grenze der Belastbarkeit ist an vielen Stellen längst erreicht, wenn nicht überschritten“, sagt Schulte.