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Weltmarktführer Innovation DayWelche Branchen sind es wert, sie mit Staatsgeld zu pampern?

Über Subventionen lässt sich herrlich streiten – und so gehen die Meinungen über all das Staatsgeld für Intel und Co. auf dem Weltmarktführer Innovation Day der WirtschaftsWoche weit auseinander. 14.09.2023 - 17:23 Uhr

Andreas Schick, Delo-Chefin Sabine Herold und die parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner (Grüne).

Foto: Stefanie Hergenröder

Andreas Schick, Vorstandsmitglied des Automobilzulieferers Schaeffler, redet nicht lange herum auf der Bühne des Weltmarktführer Innovation Days der WirtschaftsWoche. Er formuliert nüchtern und wohl treffend: „Wir müssen auch Industriezweige zurücklassen.“ Nur wer das beherzige, könne die Transformation meistern.

„Ich bin davon überzeugt, dass wir es in 2030 geschafft haben werden, die Automobil- und Zulieferindustrie erfolgreich zu transformieren“, sagt Schick außerdem – um hinterherzuschieben: Dafür müssten Unternehmen bereit sein, selbst beim Verbrennungsmotor, einer der Herztechniken einer der größten Industrien in Deutschland, Kerntechnologien aufzugeben. Schaeffler selbst konzentriert sich nun auf Elektromotoren.

Welche Branchen sterben lassen?

Welche Industriezweige sind es, die in zehn, zwanzig Jahren am Standort Deutschland profitabel sein werden? Wann sollte der Staat Unternehmen, deren Transformation stockt, unter die Arme greifen? Baut er ihnen damit eine Brücke, hin zu einem soliden, nachhaltigem Wirtschaftsmodell? Oder hält er mit teuren Subventionen sterbende Branchen künstlich am Leben? Über diese Fragen stritten mit Andreas Schick Delo-Chefin Sabine Herold und die parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner ((Grüne)) auf einem Panel beim Weltmarktführer Innovation Day in Erlangen.

Delo-Chefin Sabine Herold.

Foto: Stefanie Hergenröder

Sabine Herold hat ihr Unternehmen Delo, ein Fertiger von Industrieklebern, in den vergangenen 25 Jahren zum Wachstum von 70 auf über 1000 Mitarbeiter verholfen. „Ich bin Subventionshasser“, sagt Herold. „Anschubfinanzierungen finde ich immer super, aber solche Brücken, über die geredet wird, wo keiner weiß, wie lang und breit die sein sollen, machen mich skeptisch. Denn wenn sich etwas nicht marktwirtschaftlich durchsetzt, ist es zum Tode verurteilt.“

Staatliche Unterstützung hat in der Vergangenheit in vielen Branchen erst den Weg bereitet. Für das Ziel Klimaneutralität muss sich die deutsche Industrie radikal wandeln, darüber herrscht Einigkeit. Unklar ist, wie viel Anschub so eine Transformation braucht – und wann es an der Zeit ist, sich von bestimmten Fertigungsprozessen oder gesamten Branchen zu verabschieden. Zumal: Energie wird nach Ansicht von Experten teuer bleiben in Deutschland.

Heißt es als bald „Bye bye“ für die Stahl- oder die Chemieindustrie?

Nein, glaubt Franziska Brantner, parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium von Robert Habeck. Für die Grünen-Politikerin ist die Frage nach Subventionen auch eine Frage der Resilienz und der strategischen wirtschaftlichen Unabhängigkeit von anderen Ländern in Zeiten der Polykrisen. Jedoch: Für kein Produkt ließe sich die gesamte Wertschöpfungskette allein nach Deutschland bringen, gibt Brantner zu, es bleiben immer Teilabhängigkeiten.

Parlamentarische Staatssekretärin Franziska Brantner (Grüne).

Foto: Stefanie Hergenröder

„Resilienz brauchen wir mit Sicherheit“, sagt Andreas Schick. Trotzdem sei die Frage entscheidend: „Was ist langfristig wettbewerbsfähig?“ Für den Zulieferer bleibt zum Beispiel Stahl ein entscheidender Rohstoff. Um die CO2-intensive Stahlproduktion klimaneutral zu machen, braucht es in Zukunft statt der klassischen Hochöfen, die mit Kohle betrieben werden, Direktreduktionsanlagen, die grünen Wasserstoff nutzen. „Dafür sind Unmengen an Energie notwendig. Ist es richtig, die Elektrolyse hier durchzuführen, wo wir nicht die günstigen Strompreise haben?“, fragt Schick. Seiner Ansicht nach müsse sich Deutschland überlegen, nur Teile der Wertschöpfungskette der Stahlherstellung im Land zu behalten.

Franziska Brantner widerspricht: Stahlherstellung sei, genauso wie die Chipindustrie, eine Technologie, die Deutschland brauche. Auch die Chemiebranche, energieintensiv und in großen Teilen abhängig von Gas und Öl, gehöre für sie nicht „zu der alten Industrie“. „Sie braucht jetzt unsere Hilfe, um zu überleben“, sagt Brantner. Die geopolitischen Rahmenbedingungen hätten sich im Zuge des Wettlaufs um die grüne Transformation geändert: Die meisten Staaten unterstützten ihre Unternehmen massiv, sei es China oder die USA mit dem Inflation Reduction Act.

Wettlauf um grüne Subventionen: Nicht schön, aber Realität?

Neben europäischen Förderprogrammen wie dem Green New Deal will auch die Bundesregierung kräftig ins Subventionsbusiness einsteigen: Mit 10 Milliarden Euro Subventionen unterstützt sie den Bau einer Chipfabrik des amerikanischen Halbleiterherstellers Intel in Magdeburg. Das Geld dafür kommt aus dem Klima- und Transformationsfonds. Brantner sieht die Mega-Subvention pragmatisch: „Wir würden uns wünschen, dass wir eine Chipindustrie hätten, die ohne staatliche Subventionen läuft. Weltweit gibt es davon aber keine einzige – egal, ob Sie sich Südkorea, Taiwan, Japan, die USA oder China anschauen. Da können Sie natürlich sagen: Das ist alles nicht marktwirtschaftlich, das ist alles nicht schön. Aber es ist die Realität.“

Doch welche Technologien sind relevant? Die Chips, die Intel herstellen wird, werden vor allem in Smartphones, Spielkonsolen und Notebooks verbaut. Sabine Herold zeigt sich skeptisch gegenüber der Subventionsstrategie der Bundesregierung. Natürlich könne eine Anschubfinanzierung sinnvoll sein, auch im Fall von Intel in Magdeburg. Sie finde es „aber schon komisch“, wenn sie im BDI-Präsidium von einem Spitzenpolitiker gefragt werde: „Ist das tatsächlich so, dass Intel nur Chips für die Konsumentenelektronik und nicht für die Automobilindustrie fertigt?“ Das könne man sich doch „gegebenenfalls vorher überlegen“, kritisiert Herold. Schon in der Vergangenheit fragten Kritiker, ob die hohe Summe angemessen sei für eine Chipfabrik ohne eigene Forschungs- und Entwicklungsabteilung.

„Das einzige, was wir bei der Entwicklung neuer Technologien nicht brauchen, ist die Politik“, resümiert Sabine Herold, frustriert von bürokratischen Hürden. Staatssekretärin Brantner will die Kritik am Staat abzuschwächen. In China habe die Politik letztendlich die richtigen Rahmenbedingungen für den E-Auto-Boom gesetzt, die deutschen Hersteller hätten die Transformation verschlafen. Aufgeben will Brantner die Branche in Deutschland noch nicht. „Wir sind auf einer Aufholjagd, und die müssen wir jetzt gewinnen“, sagt Brantner.

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cth
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