Weg zur Neuwahl: Deutschland soll im Februar wählen
Wahlhelfer und Wahlhelferinnen zählen in einem Wahllokal Stimmzettel für die Bundestagswahl 2021.
Foto: Sebastian Gollnow/dpaIm Streit um einen Termin für die vorgezogene Bundestagswahl konnten sich Union und SPD auf einen Termin einigen. Die Wahl soll am Sonntag, den 23. Feburar 2025, stattfinden. Das berichteten mehrere Medien und berufen sich auf Informationen von beiden Seiten. Nun muss der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier die endgültige Entscheidung über den Wahltermin treffen.
Grundlage war offenbar eine Einigung zunächst zwischen SPD und CDU/CSU, nachdem CDU-Chef Friedrich Merz am Montag in internen Sitzungen von seiner Forderung nach dem 19. Januar abgerückt war und den 16. oder 23. Februar vorgeschlagen hatte. Auch Olaf Scholz war nach starkem öffentlichen Druck von seinem ursprünglichen Vorschlag abgerückt, die Vertrauensfrage am 15. Januar zu stellen und so eine Neuwahl Ende März herbeizuführen. Auch FDP und Grünen tragen laut Insidern der Nachrichtenagentur Reuters den Vorschlag mit.
Die Vertrauensfrage wird Bundeskanzler Olaf Scholz nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters aus Koalitionskreisen am 16. Dezember im Bundestag stellen. Die Union hatte Scholz zuvor aufgefordert, die Vertrauensfrage bereits an diesem Mittwoch zu stellen, was dieser aber ablehnte. Die erwartete Niederlage bei dieser Vertrauensabstimmung würde den Prozess zu Neuwahlen einleiten.
Stärkung des Verfassungsgerichts soll umgesetzt werden
CSU-Landesgruppenchef Alexander Dobrindt versicherte in den ARD-„Tagesthemen“, sobald der Fahrplan geklärt sei, könne das Parlament sehr schnell wieder in einen Arbeitsmodus kommen. Es gebe überhaupt keinen Zweifel daran, dass die Union die Vereinbarungen, die sie in der Vergangenheit mit der Ampel getroffen habe, auch einhalten werde.
Allerdings werde die Spitze der Unionsfraktion vor der Vertrauensfrage mit der verbliebenen rot-grünen Minderheitsregierung nur über wenige Projekte im Bundestag beraten, sagte der Parlamentarische Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsabgeordneten, Thorsten Frei (CDU). Er rechne damit, dass sich der Bundestag in dieser Woche etwa noch mit dem Nachtragshaushalt 2024 befassen, über diesen aber nicht entscheiden, sondern ihn in den Haushaltsausschuss zurück überweisen werde.
Zudem könne es in der laufenden Woche noch die Verabschiedung eines Gesetzes geben, in dem es unter anderem um die Überwachung der Telekommunikation bei Diebstahl während Wohnungseinbrüchen gehe. Dieses Gesetz sei bis zum 11. Dezember befristet – wenn man nicht wolle, dass dieses Ermittlungsinstrument nicht mehr zur Verfügung steht, müsse das Gesetz geändert und am 22. November durch den Bundesrat gehen.
Ein weiteres Projekt sei die geplante Stärkung des Bundesverfassungsgerichts. Dabei gehe es um ein interfraktionelles Vorhaben, das die Union nach wie vor für sinnvoll und notwendig halte, sagte Frei. Er gehe davon aus, dass dieses Gesetzespaket noch im laufenden Jahr den Bundestag passieren werde. Auch die vier Bundeswehr-Mandate, die in den ersten Monaten des kommenden Jahres auslaufen, würden mit Sicherheit rechtzeitig verlängert werden, sagte der CDU-Politiker.
Dobrindt: Union erarbeitet „Positivliste“ mit Parlamentsvorhaben
Alexander Dobrindt ergänzte, die Union erarbeite derzeit eine „Positivliste“ mit Projekten, von denen die Union glaube, dass sie noch vor der Wahl ins Parlament eingebracht werden müssten, weil sie zeitkritisch seien. Die Abschaffung der kalten Progression etwa sei nicht zeitkritisch, weil diese auch rückwirkend abgeschafft werden könne. Frei hatte gesagt, das vor allem von der SPD mitgetragene Rentenpaket 2 werde von der Union mit Sicherheit nicht mitgetragen. Auch eine Verlängerung des Deutschlandtickets sei nicht mit der Union vereinbart.
Nötig sei allerdings ein rascher „Comeback-Plan für die Wirtschaft“, da das Vertrauen in den Wirtschaftsstandort Deutschland wieder gefestigt werden müsse, sagte Dobrindt. Zudem müsse die Migrationsfrage vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Dies dulde angesichts der Überforderung der Kommunen keinen weiteren Aufschub. Zudem müsse die innere Sicherheit vordringlich gestärkt werden.
Die Union werde auch vorliegende Beschaffungsvorlagen für die Bundeswehr mittragen, ergänzte der CSU-Landesgruppenchef. Zu den Ukraine-Hilfen sagte er, es seien derzeit keine zusätzlichen Mittel notwendig. Sollte sich dies anders darstellen, sei man aber bereit, über solche Fragen zu reden. Es gehe aber angesichts der Lage in der Ukraine aktuell eher um Waffenlieferungen.
FDP will nur wirtschaftlich wichtige Vorhaben stützen
Der FDP-Fraktionsvorsitzende Christian Dürr hat Kooperationsbereitschaft bei einigen Vorhaben im Parlament in Aussicht gestellt. „Im nächsten Schritt sind wir natürlich bereit, über konkrete Vorhaben im Bundestag zu sprechen, die unser Land wirtschaftlich voranbringen. Das betrifft in erster Linie die Initiativen, die Christian Lindner innerhalb der Bundesregierung vorangetrieben hat, etwa den Ausgleich der Kalten Progression“, sagte Dürr der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. Dafür liege ein fertiger Gesetzentwurf auf dem Tisch. Dürr kündigte an: „Angesichts der dramatischen wirtschaftlichen Lage werden wir nur über Vorhaben beraten, die zu einer neuen Dynamik und einer Stärkung unserer Wettbewerbsfähigkeit führen.“
Vor einer Faktionssitzung nannte er auch Verschärfungen beim Bürgergeld mit dem Ziel den Sozialstaat effizienter zu machen und insbesondere mehr Arbeitsmarktmobilisierung in Deutschland zu gewährleisten. Zudem nannte Dürr „Maßnahmen auch aus der Wachstumsinitiative, die unser Land voranbringt“. Darüber werde man in den kommenden Tagen und Wochen mit den anderen Fraktionen sprechen. Es gebe aber keine Ampel-Koalition mehr und neue Mehrheiten müssten in jedem Fall gesucht werden.
Südekum: Parteien der Mitte könnten Zweidrittelmehrheit verpassen
Der Top-Ökonom Jens Südekum warnte im Interview mit der WirtschaftsWoche, dass es nach den Neuwahlen zu einer angespannten Situation im Parlament kommen könnte. „Wenn ich mir die aktuellen Umfrage-Daten anschaue, könnten SPD, Grüne und Union zusammen womöglich keine Zweidrittelmehrheit mehr bekommen.“ Diese sei nötig, um eine verfassungsändernde Mehrheit zu erreichen. Union, SPD und Grüne müssten dann Sahra Wagenknecht um Hilfe bitten, „die macht dann womöglich mit, aber nur zu einem hohen Preis“.
Generell geht Südekum davon aus, dass Friedrich Merz als Bundeskanzler die finanziellen Spielräume fehlten, um seine politischen Pläne umzusetzen –sollte Merz an der jetzigen Form der Schuldenbremse festhalten. Das wisse Merz auch, sagte Südekum. Der Ökonom plädiert daher für eine Reform der Schuldenbremse. Südekum: „Ich hoffe deshalb auf demokratischen Pragmatismus – denn einen großen Wurf für Deutschland können die Parteien jetzt nur gemeinsam auf den Weg bringen.“
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