BayernLB: Gerd Häuslers Bilanz
Die Welt ist ihm genug - Bankchef Gerd Häusler will bei großen Themen mitreden
Foto: APNGerd Häusler steht am Pult und redet. Redet. Und redet dann noch weiter. Mit leicht gerötetem Gesicht, schwachem Schnaufen und etwas schleppender, tief tönender Stimme erklärt der Chef der BayernLB den in Frankfurt versammelten Zuhörern – Akademikern, Bankern, Journalisten – die Welt. Den „verschärften Regulierungsdruck und tief greifende staatliche Eingriffe in den Bankensektor“. Die „Regulationsarbitrage zwischen Sektoren und Regionen“. Den „langen Schatten der Finanzkrise“. Und warum all dies das Bankgeschäft künftig so furchtbar schwer macht.
Es ist mehr eine Vorlesung als ein Vortrag, ein Auftritt, wie ihn auch Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann gerne veranstaltet. Um Durchblick zu zeigen, wird da erst einmal die Weltlage analysiert, mit besonderem Fokus auf Regulierungsvorhaben der Regierungen. Am Schluss geht es dann knapp darum, was die großen Trends für das eigene Institut bedeuten. Heraus kommt dabei immer: Die Herausforderungen sind groß und nehmen weiter zu – so sehr, dass nur ein Held an der Spitze einer Bank sie einigermaßen bewältigen kann.
Bei der Bayerischen Landesbank glaubt das jeder Zuhörer sofort. Deren Vorstandsvorsitzender ist der 60-jährige Häusler seit knapp zwei Jahren. Er hat etwas Ruhe in das Institut gebracht, zwischendurch hat es sogar mal Gewinn gemacht. Häuslers Zuhause ist jedoch die weite Welt geblieben.
Kulturkonflikt in Person
Er saß im Zentralbankrat der Bundesbank, war Vorstand der Dresdner Bank, Abteilungsleiter beim Internationalen Währungsfonds IWF, Investmentbanker und Finanzinvestor. Anfang 2010, als die Bank nach einem Verlust von mehr als drei Milliarden Euro am Tiefpunkt angelangt war, ist er in München gelandet. Oder gestrandet, wie Kritiker meinen, die ihm vorwerfen, dort nie ernsthaft angekommen zu sein.
Statt mit Notenbankern und Aufsehern Regulierungsfragen zu diskutieren oder mit Unternehmen Transaktionen zu verhandeln, hat Häusler es nun mit EU-Bürokraten, Landespolitikern und Sparkassenvertretern zu tun. Dass ihm die Umstellung schwerfällt, ist kaum verwunderlich. Dass es immer wieder zu Spannungen kommt, ebenso. Häusler bewegt sich mitunter durch München wie ein personifizierter Kulturkonflikt. Und das nicht nur, weil er dort, wie er selbst sagt, „weiter ein Auto mit Frankfurter Kennzeichen fährt“.
Die Ergebnisentwicklung der BayernLB (zur Vergrößerung bitte klicken)
Foto: WirtschaftsWoche
Sein Job ist von Anfang an alles andere als leicht gewesen. Unter allen deutschen Skandalinstituten hat es die BayernLB mit am schlimmsten getrieben. Abermilliarden strukturierter Kreditpapiere, die 2008 zu horrenden Verlusten führten, hatten auch andere Banken gekauft. Die Bayern hatten sich aber noch die Kärntner Hypo Alpe Adria einverleibt, die sich als Milliardengrab entpuppte. Und hatten auch noch den Vorstand Gerhard Gribkowsky, der wegen dubioser Deals rund um die Formel 1 vor dem Strafgericht steht. Mit zehn Milliarden Euro hat das Land das Institut gerettet. Ob das Geld zurückfließt, ist offen.
Zudem ist immer noch nicht entschieden, wie die Bank künftig aussieht. Als einziges deutsches Kreditinstitut verhandelt die BayernLB noch mit der EU-Wettbewerbskommission in Brüssel über die angemessenen Sanktionen für die erhaltenen staatlichen Beihilfen. Schon Häuslers Vorvorgänger Michael Kemmer hatte einen baldigen Abschluss des Verfahrens in Aussicht gestellt. Das ist drei Jahre her.
Schrumpfkurs - Die BayernLB soll kleiner werden und riskante Geschäfte aufgeben
Foto: dpa
Sie geriet zum Symbol für die anhaltenden Probleme der Landesbanken: Lange war keine Lösung zur Zukunft der WestLB in Sicht. Nun soll aus dem Institut mit zuletzt noch 4700 Mitarbeitern eine deutlich kleinere, regionale Sparkassen-Zentralbank mit 400 Beschäftigten hervorgehen. Große Teile sollen verkauft und unverkäufliche Teile abgewickelt werden. Die EU-Kommission hat einen radikalen Umbau des Geldhauses verlangt, weil es nur mit öffentlichen Beihilfen und Garantien am Leben erhalten werden konnte. Am 20. Dezember will die Kommission ihre Entscheidung über die Zukunft der Düsseldorfer Bank bekanntgeben.
Eigentümer: Rheinischer Sparkassenverband 25,032 %; Westfälisch-Lippischer Sparkassenverband 25,032 %; Land NRW 48,276 %
Bilanzsumme: 160,4 Miliarden, minus 63 Prozent seit Ende 2001
Kapitalzuschuss seit 2002: 21 Milliarden Euro
Foto: dpaVon der WestLB werden nur Reste übrig bleiben. Einst mit großen Ambitionen gestartet, gilt inzwischen als sicher, dass das Land NRW, die Sparkassen und der Bund mit der Rettung des einstigen Landesbanken-Flaggschiffs Verluste gemacht haben. Von den großen Plänen des Geldhauses bleibt nicht viel übrig. Auch die anderen Landesbanken sind nach wie vor unter Druck...
Foto: dpaNordLB
Die Ratingagentur Moody's hat Mitte November das Rating mehrerer Landesbanken um drei Stufen gesenkt - auch das der NordLB. Die Bank muss außerdem ihr hartes Kernkapital auf neun Prozent aufpolstern, so fordert es die Europäische Bankenaufsicht (Eba). Eine Kapitalspritze der Eigner steht kurz bevor, Niedersachsen wird damit die Mehrheit an der Bank übernehmen. Die NordLB kam vergleichsweise glimpflich durch die Finanzkrise, als einzige Landesbank konnte sie im dritten Quartal 2011 ihr Vorjahresquartal übertreffen.
Eigentümer: Land Niedersachsen 41,75 %; Sachsen-Anhalt 8,25 %; Sparkassenverband Niedersachsen 37,25 %; Sparkassen Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern
Bilanzsumme: 218,3 Mrd. Euro, plus 9 % seit Ende 2001
Kapitalbedarf laut EBA-Stresstest: 660 Mio Euro
Foto: dapdBelagert von Demonstranten: Lange machte die Bank vor allem mit einem Spitzelskandal Schlagzeilen, das Geschäft geriet darüber etwas aus dem Blickfeld. Nun ist Ex-Chef Dirk Jens Nonnenmacher seit einiger Zeit weg, der Bank geht es nicht besser. Ohne die Stützung ihrer staatlichen Eigentümer sei die Bank nicht überlebensfähig, meinen die Analysten von S&P. Zudem machen die Auflagen der EU-Kommission der Bank zu schaffen: Die Bilanzsumme soll deutlich schrumpfen, in ihren Kerngeschäftsfeldern darf die Bank nicht wirklich wachsen.
Eigentümer: Hansestadt Hamburg 12,4 %; Land Schleswig-Holstein 11,0 %; HSH Finanzfonds 59,9 %; Sparkassen 6,0 %; J.C. Flowers 10,7 Prozent
Bilanzsumme: 132 Mrd. Euro, plus 43 % seit Ende 2001. Soll laut EU-Auflagen auf 82 Mrd. Euro schrumpfen.
Kapitalzuschuss in der Finanzkrise: 3 Milliarden Euro
Foto: dapdLandesbank Baden-Württemberg
Auch die LBBW traf das Urteil von Moody's: Mitte November ging es drei Noten nach unten. Es sei viel unwahrscheinlicher geworden, dass Staat und Sparkassen in einer erneuten Krise nochmal als Geldgeber bereitstehen. Schon jetzt klafft bei der LBBW eine Lücke von 364 Millionen Euro, wie der Stresstest der EBA ergab. Zuletzt verbuchte die Bank ein Quartalsminus von fast 200 Millionen Euro. In der Finanzkrise bekam die Bank rund fünf Milliarden von Land, Sparkassen und Stadt Stuttgart. Die EU-Kommission fordert jetzt eine Reduktion der Bilanzsumme um 40 Prozent, um die Hilfen zu genehmigen.
Eigentümer: Sparkassenverband Baden-Württemberg 40,5 %; Land Baden-Württemberg 19,5 %; Stadt Stuttgart 18,9 %; Landesbeteiligungen Baden-Württemberg 18,3 % L-Bank 2,7 % .
Bilanzsumme: 354,9 Milliarden Euro, plus 18 % seit Ende 2001
Kapitalbedarf laut EBA-Stresstest: 364 Mio. Euro
Foto: dpaBayern LB
Auch die BayernLB kommt nicht aus den Krisen. Mit zehn Milliarden Euro musste der Freistaat seiner Landesbank in der Finanzkrise helfen, zuletzt meldete sie einen Quartalsverlust von 92 Millionen Euro. Zudem ist die Bank von Skandalen gebeutelt: Acht Ehemalige Vorstände müssen sich wegen Korruptions- und Untreuevorwürfen im Zusammenhang mit dem Kauf der österreichischen Hypo Alpe Adria vor Gericht verantworten. Ihr Ex-Chef wurde kürzlich wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Und der ehemalige Vorstand Gerhard Gribkowsky soll Bestechungsgelder bei der Veräußerung von Formel-1-Anteilen durch die Bank erhalten haben.
Eigentümer: Freistaat Bayern 94 %; Sparkassenverband Bayern 6 %
Bilanzsumme: 297,4 Mrd. Euro, minus 9 % seit Ende 2001
Kapitalbedarf laut EBA-Stresstest: keiner
Foto: dpaLandesbank Hessen-Thüringen (Helaba)
Für die Helaba sind die S&P-Analysten etwas optimistischer. Sie gehört zu den wenigen Landesbanken mit Einlagengeschäft. Die schneiden besser ab. Immerhin - das Rating der Helaba hat Moody's nur um zwei Stufen gesenkt. Zudem kann die Bank laut S&P-Kommentar wohl mehr auf die Unterstützung ihrer Eigner hoffen, als die anderen Landesgeldhäuser. Abschreibungen auf Staatsanleihen europäischer Krisenländer bremsten die Bank im abgelaufenen Quartal jedoch aus: Es blieb nur noch ein Vorsteuergewinn von 38 Millionen Euro übrig.
Eigentümer: Sparkassen- und Giroverband Hessen-Thüringen 85 %; 10 % Land Hessen; Freistaat Thüringen 5 %
Bilanzsumme: 157,5 Mrd. Euro
Kapitalbedarf laut EBA-Stresstest: keiner
Foto: unbekanntLandesbank Berlin
Die Berliner Landesbank ist die einzige, die komplett den Sparkassen gehört. Die Berliner Sparkasse ist Teil der LBB - doch gemessen an der Bilanzsumme ist das Sparkassengeschäft relativ klein. Einen größeren Teil macht etwa das Geschäft mit der gewerblichen Immobilienfinanzierung aus. Die Analysten von S&P sind bei der LBB wenig optimistisch. Immerhin: Als Moody's vor wenigen Wochen die Kreditwürdigkeit mehrerer Landesbanken herabstufte, blieb das der LBB unverändert.
Eigentümer: Sparkassen Finanzgruppe 98, 63 %; Streubesitz 1,33 %
Bilanzsumme: 129 Mrd. Euro, minus 32 % seit Ende 2001
Kapitalbedarf laut EBA-Stresstest: keiner
Foto: unbekanntSaarLB
Bis Mitte 2010 gehörte die Saarländische Landesbank (SaarLB) zu drei Vierteln der BayernLB, doch diese gab einige Anteile aufgrund der eigenen Schieflage wieder ab und hält nun weniger als die Hälfte. Die konzertierte Landesbanken-Herabstufung von Moody's traf auch die Saarbrücker Bank. Im Vergleich zu den anderen Staatsbanken ist die SaarLB allerdings auch ein Zwerg: Ihre Bilanzsumme ist mehr als 18 mal kleiner als die der LBBW.
Eigentümer: BayernLB 49,9 %; Saarland 35,2 %; Sparkassenverband Saar 14,9 %
Bilanzsumme: 19,6 Mrd. Euro, plus 21 % seit Ende 2001
Kapitalbedarf laut EBA-Stresstest: keiner
Foto: unbekannt
Seitdem leben die Mitarbeiter in Unsicherheit. „Das ist schwer“, sagt ein Mitglied des Verwaltungsrats der Bank. „Aber vielleicht leichter, als wenn sie wissen, was passiert.“ Demnächst wird Brüssel entscheiden, was von der Münchner Bank übrig bleibt. Harte Auflagen sind sicher.
So weit, so desolat. Und so fragen sich weiter viele, was den Weltmann Häusler in den verwinkelten Gebäudekomplex an der Brienner Straße gezogen hat, der eher an eine Gesamtschule oder ein Behördenzentrum erinnert als an ein Finanzinstitut. FDP-Mitglied Häusler selbst würde auf sein Pflichtgefühl nach 23 Jahren im Staatsdienst verweisen. Er sei „zum Wehrdienst eingezogen worden“, sagt er spöttisch.
Andere unterstellen niedrigere Beweggründe. „Das war zum Ende seines Berufslebens eine unerwartete und unverdiente Chance“, sagt einer, der ihn kennt. Häusler, der schon vorher in den Verwaltungsrat der Bank eingezogen war und die Rückgabe der Hypo Alpe Adria an Österreich mitverhandelt hatte, habe mit seiner weltmännischen Art den Ministerpräsidenten Horst Seehofer schlicht geblendet.
Ein Weggefährte erkennt dagegen sogar Kontinuität in Häuslers Werdegang. „Er war immer dort, wo es große Umbrüche gab“, sagt er. Bei der Dresdner war es die gescheiterte Fusion mit der Deutschen Bank, beim IWF dessen damals drohender Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Die Aussage ist als Kompliment gedacht, zeigt aber auch, dass Häusler in seiner Karriere nicht unbedingt das gewesen ist, was im Fußball als Meistertrainer durchgeht.
In München aber ist von Beginn an ohnehin Abstiegskampf pur angesagt gewesen. Vielleicht hat der Vater von zwei Töchtern das zunächst unterschätzt, als er kurz nach seinem Amtsantritt mit der WestLB anbandelte und eine Fusion prüfen ließ. Andere Banker hielten das gleich für keine gute Idee, schon nach ein paar Wochen sah das auch Häusler ein. Der abrupte Abbruch der Verhandlungen hat ihm in Düsseldorf keine Freunde gemacht.
Es kann nur besser werden
Auffälligster Schmuck im großen Besprechungszimmer neben Häuslers Chefbüro ist eine Farbleinwand, die das Sergeant-Pepper’s-Album der Beatles thematisiert. Auf dem befindet sich ein Lied, das er gut als Motto für seine Mission verwenden könnte. Paul McCartney singt im Refrain „It’s getting better all the time“, worauf John Lennon „It can’t get no worse“ antwortet.
Das gilt 2010 auch für die BayernLB. Von Beginn an geht es für Häusler um den Abbau von Stellen, den Abbau von Risiken, den Abbau internationaler Aktivitäten. Nebenbei muss ein neues Geschäftsmodell her. Für Gewinne soll vor allem das forcierte Mittelstandsgeschäft sorgen, dazu Finanzierung von Gewerbeimmobilien und erneuerbaren Energien. Alles nicht sehr spektakulär, ähnliche Konzepte verfolgen auch die anderen Landesbanken. Keiner weiß, ob sie auf Dauer genug einbringen.
Häusler hat keine Erfahrungen im öffentlichen Bankwesen und nie ein Institut geleitet. „Aber er kennt die Politik und weiß, wie Regulierung Geschäftsmodelle verändert“, sagt einer, der lange für ihn gearbeitet hat und ihn als „schnellen, intelligenten und manchmal etwas ruppigen“ Chef beschreibt. Ein Arbeitnehmervertreter schätzt Häusler als „absoluten Fachmann“ und beurteilt den Abbau von bisher rund 1.000 Stellen als fair. Er sei zugänglicher als seine Vorgänger. Seine durch penetrante Verweise auf frühere Stationen zur Schau gestellte Weltläufigkeit wirkt auf viele jedoch arrogant bis abschreckend.
Bayerns früherer Finanzminister Faltlhauser - 2009 hatte ihn die BayernLB auf Schadenersatz in Millionenhöhe als Ausgleich für den milliardenschweren HGAA-Fehlkauf verklagt.
Foto: dpa
Der Verzicht auf das internationale Geschäft ist dem welterfahrenen Bankchef schwergefallen. So soll er in seinen ersten Planungen trotz des eindeutigen Votums der EU-Behörden noch deutlich stärkere Aktivitäten im Ausland vorgesehen haben.
Die große Bühne sucht Häusler dennoch. Kaum eine internationale Tagung findet ohne ihn statt. Wenn er nicht auf der Rednerliste steht, erhebt er sich gern und hält als Frage verkleidete Vorträge, in denen es um seine Erfahrungen beim IWF geht. Schon als Investmentbanker gab es Mitarbeiter, die ihm vorwarfen, vor allem sich selbst und nicht die Bank zu repräsentieren. Häusler sei ein „eitler Wichtigtuer“, sagt einer, der ihn mehrmals erlebt hat.
Bei der Tagung des internationalen Bankenverbandes IIF im Herbst 2011 in Washington sitzt der BayernLB-Chef auf dem Podium. Unter seiner Führung ist die Landesbank dem Verband beigetreten, wobei nicht klar ist, was sie da will. Commerzbank-Vorstandschef Martin Blessing moderiert eine Fragerunde, Häusler dankt ihm für „schmeichelhafte Einführungsworte“. Dabei hat Blessing bloß seinen Namen genannt. Dann geht es los. Häusler erklärt, sich auf einen Aspekt konzentrieren zu wollen. Und palavert dann fast zehn Minuten ohne Pause in fast akzentfreiem Englisch über die Fiskalpolitik entwickelter Staaten in Zeiten der Schuldenkrise.
Wer sich dabei langweilt, kann sich im Nebenraum an einem mit Werbematerial beladenen Stand darüber informieren, von welcher Bank der eloquente Gesprächspartner stammt. Aber lässt sich die internationale Finanzwelt wirklich von blau-weißen Kugelschreibern beeindrucken, die losjodeln, wenn man sie drückt? Überzeugt sie eine Broschüre von dem „rock solid“ Institut, bei der Brezeln und Schloss Neuschwanstein in Grafiken montiert sind, die die angeblich „nie endende Erfolgsgeschichte“ der BayernLB bezeugen sollen?
Häusler selbst rechtfertigt seine Ausflüge in die weite Finanzwelt mit der Notwendigkeit, den Dialog mit den Regulierern zu pflegen und früh auf neue Risiken reagieren zu können. Dass die BayernLB kaum in griechische Staatsanleihen investiert und den letzten Stresstest souverän passiert hat, hält sich ihr Chef persönlich zugute. Schließlich habe er beim IWF einst die Kapitalmarktabteilung aufgebaut und selbst das Modell zur Berechnung der Schuldentragfähigkeit von Staaten entwickelt.
Bescheidenheit? Warum auch!
Bescheidenheit, sagen selbst Freunde, ist nicht seine Stärke. Warum auch? Als einziger Deutscher gehört er zur „Group of Thirty“, einem angesehenen Expertengremium. Mitglieder sind etwa der frühere US-Notenbankchef Paul Volcker, Nobelpreisträger Paul Krugman, EZB-Chef Mario Draghi und sein Vorgänger Jean-Claude Trichet. Lauter Koryphäen, die sich in langen Schriftstücken über „Rückversicherung und Finanzmärkte“ auslassen. Über „makroprudenzielle Regulierung“. Über Finanzkram für Fortgeschrittene eben.
„Und du, Gerd? Jetzt BayernLB?“ fragt ihn ein Bekannter in Washington. Häusler verzieht den Mund und winkt ab. An zu Hause will er jetzt lieber nicht denken. Da sitzen ihm Landespolitiker und Sparkassenmänner im Nacken. „Auf die haben wir immer hinuntergeschaut“, sagt ein anderer Ex-Vorstand der Dresdner Bank.
Nun hat sich die Perspektive gedreht, Politiker und Sparkassenleute schauen auf Häusler. Nicht allen gefällt, was sie sehen. „Der ist kein Rennpferd“, sagt die SPD-Landtagsabgeordnete Inge Aures. Die ist eine bodenständige Natur, zum Faschingsfest in ihrem Wahlkreis hat sie sich als Eisprinzessin verkleidet. Sie ist Mitglied einer Kommission des Landtags, die die Landesbank kontrollieren soll. Vor der muss Häusler regelmäßig auftreten und dabei mache er keine gute Figur. „Der blickt nicht wirklich durch“, sagt die Politikerin. Letztens habe sie ihn gefragt, wie viele Kredite bayrische Sparkassen und Landesbank gemeinsam vergeben hätten. „Nicht mal das hat er gewusst“, empört sich Aures.
Auch der Grünen-Abgeordnete Eike Hallitzky, der sich stark bei der Aufklärung des Hypo-Alpe-Kaufs engagiert hat, ist kein ausgemachter Fan des Bankchefs. „Er ist mehr eine Galionsfigur als ein Steuermann der Landesbank“, sagt er. Der Bankchef agiere unnahbar und sei unfähig „die eigene Wichtigkeit zu relativieren“. Er habe bisher kein überzeugendes Zukunftskonzept vorgelegt und die Aufklärung der düsteren Vergangenheit nur zögerlich betrieben.
Dem würde Häusler widersprechen. Keine andere Bank sei so kompromisslos gewesen, heißt es in Vorstandskreisen. Das Ergebnis sind Klagen, die auch den früheren Finanzminister Kurt Faltlhauser und den bayrischen Sparkassenpräsidenten Siegfried Naser nicht verschonen. Beide sind altgediente CSU-Größen, das Vorgehen gegen sie ist fast eine Revolution.
Die geht der Opposition nicht weit genug. Sie hätte es lieber gesehen, wenn die Bank den gesamten früheren Verwaltungsrat vor Gericht zitiert hätte. Doch nach der Pleite des Medienkonzerns von Leo Kirch 2002 hatten sich die Verwaltungsräte in ihre Satzung geschrieben, dass sie nur noch für grob fahrlässige Verfehlungen haften. Um solche Peinlichkeiten künftig zu verhindern, hat Finanzminister Markus Söder die überfällige „Entpolitisierung“ der Bank angekündigt. Politiker sollen sich aus allen Gremien verabschieden.
Auch die Sparkassen setzen den Landesbankmanagern zu. Aktuell sind sie nur mit sechs Prozent an der Bank beteiligt, gleichzeitig sind sie jedoch ihr wichtigster Kunde und Finanzierer. „Das Engagement könnte der Häusler ruhig mal stärker würdigen“, sagt ein Sparkassenmanager. „Enttäuschend lustlos“ habe der BayernLB-Chef zuletzt auf dem Sparkassentag referiert, beklagt sich ein anderer. „Der ist hier nie angekommen“, meint ein dritter. Auffällig viele bezeichnen ihr Verhältnis zum Bankchef als „professionell“ und wollen sich zu dessen Persönlichkeit lieber nicht äußern.
Prügelknabe wider Willen
Konfliktpotenzial gibt es viel. Die Sparkassen, die als Miteigentümer bei der Rettung zunächst glimpflich davonkamen, sollen sich wieder stärker an der Bank beteiligen. Nach dem Willen der EU-Kommission soll ihr Anteil auf etwa 25 Prozent steigen. Zudem gibt es Streit über den Preis der Landesbausparkasse, die die kommunalen Institute der Bank abkaufen wollen.
Häusler sieht sich als Boten zwischen den Eigentümern, der ungerechtfertigte Prügel einstecken muss. Dass er sich jüngst geweigert hat, wie von den öffentlich-rechtlichen Instituten geplant bei der Kapitalausstattung der aus der WestLB herausgelösten Verbundbank mitzuwirken, hat jedoch selbst in der Sparkassenzentrale in Berlin für Verstimmung gesorgt.
Und dann muss laut EU die BayernLB auch noch ihre 33.000 Wohnungen verkaufen. Im aufziehenden Wahlkampf warnen Politiker schon davor, die Wohnungen an Heuschrecken zu verscherbeln. Dass Häusler seinen früheren Arbeitgeber Lazard mit dem Verkauf betraut hat, könnte ebenfalls noch ein Thema werden.
Politiker und die EU-Kommission fordern, dass die Bank Geld an das Land zurückzahlt. Drei Milliarden Euro könnte sie aus ihrem Eigenkapital abzweigen, so die Idee. Häusler kann dem entgegnen, dass Aufsichtsbehörden das kaum zulassen werden. Doch die Wünsche werden wachsen, die Vorwürfe schärfer werden. Da hilft es wenig, dass der Bankchef seine Antrittsrede wenig bescheiden damit schloss, dass selbst „ein Gerd Häusler nicht über Wasser laufen, sondern nur kräftig rudern kann“. Damit irgendwann wieder Land in Sicht ist, wird er weiter paddeln müssen.