Generationen im Job: Generation X: Die Schlüsselkinder und der Prinz-Charles-Effekt
"58-Jährige müssen sich fragen lassen, warum sie denn überhaupt noch arbeiten"
Foto: Getty ImagesEr trägt T-Shirt, beherrscht das Zehnfingersystem und weiß auch auf Anhieb, wie man den Bildschirm in einem Online-Meeting teilt. Und er sitzt konzentriert am Arbeitsplatz, will die Aufgabenflut zügig erledigen; sucht den Antistressball, wenn's mal wieder zu viel wird. Mal verständnisvoll, mal mit Augenverdrehen kommentiert er die Anweisungen des Babyboomer-Vorgesetzten.
So parodiert ein Content Creator, dessen Videos bei TikTok und Instagram millionenfach gesehen werden, den typischen Beschäftigten im Alter von 43 bis knapp 60 Jahre: einen Vertreter der sogenannten Generation X.
Sie gilt als medienaffine Kohorte, berufserfahren, etabliert am Arbeitsmarkt – und ist meist unsichtbar in der aufgeheizten Diskussion um frührentenfreudige Babyboomer und selbstbewusste Digital Natives, fehlt in den Debatten um die ach-so-anspruchsvolle Generation Z. Arbeitsbienchen, so könnte man sie überspitzt nennen; pünktlich, diszipliniert, fleißig. Um die es keine besonderen Mühen bedarf, so die weitläufige Annahme.
Dabei könnten genau sie, die Schlüsselkinder, auch eine Schlüsselrolle einnehmen. Übrigens ist der Begriff angelehnt daran, dass die Generation früh einen Haustürschlüssel hatte, Nachmittage alleine zuhause verbrachte wegen der arbeitenden Eltern.
Der Fachkräftemangel trifft Deutschland in den nächsten Jahren mit Wucht. Die allmählich in den Ruhestand ausscheidenden Babyboomer hinterlassen eine riesige Lücke. Allein deshalb braucht Deutschland etwa 400.000 Zuwanderer pro Jahr, schätzen Experten. Für Unternehmen gilt deshalb: Sie sollten Jobs nicht nur für die fordernden Jungen attraktiv machen, sondern auch diejenigen in der Mitte so lange wie möglich im Erwerbsleben halten. Und erkennen, dass sie eine Art Scharnier sein können, mit Übersetzungsfunktion: Ähnlich sozialisiert wie die Babyboomer, aber offen für die Erwartungshaltung der Jüngeren.
Wiedervereinigung und Krisen: Wie die Generation X tickt
Experten beschreiben die Gen X als technologieaffine, disziplinierte und flexible Generation; geprägt von Krisen und Umbrüchen. Um die Frauen und Männer dieser Alterskohorte zu verstehen, muss man wissen, wie sie aufgewachsen sind.
Das gilt, logisch, für alle Generationen, doch besonders für die Generation X, erklärt Martin Klaffke, Professor an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin. Vor allem Mauerfall, Wiedervereinigung und westliche Wertvorstellungen prägten die zwischen Mitte der 60er- bis Ende der 70er-Jahre geborenen Jahrgänge: Freiheit, Leistung, Disziplin, Aufwärtsstreben, Globalisierung, berufliche Möglichkeiten im Ausland. „Gerade die in der Ära Kohl zuletzt permanent wachsende Jugendarbeitslosigkeit hat Spuren hinterlassen. Aber auch der Gedanke, dass sich Leistung lohnen müsse, hat die Generation X geprägt“, erklärt Klaffke. „Gleichzeitig wurden Zukunftsaussichten immer unsicherer, dazu kamen die sozialen Einschnitte durch die späteren Schröder-Reformen.“
Der Begriff der Generation Golf für die gesamte Kohorte sei deshalb irreführend. Er beschreibe nur das Lebensgefühl der in Westdeutschland und mit einem gewissen Wohlstand Aufgewachsenen und grenze viele Personen aus.
Die Jahrgänge fingen in den üblicherweise hierarchisch geprägten Unternehmen an, das Mantra vielerorts: dienen und buckeln. Die Konkurrenz untereinander: groß, die Anforderungen an Flexibilität, Mobilität und Belastbarkeit ebenso. „In dieser Zeit war die Arbeitswelt noch Input- beziehungsweise Präsenzgetrieben, schicke Dienstreisen und lange Arbeitstage galten bisweilen auch als Ausdruck von Leistung“, beschreibt Klaffke den Zeitgeist.
Prinz-Charles-Effekt: Eine Generation auf dem Abstellgleis?
Die geburtenstarken Jahrgänge der Generation X stellen die größte Kohorte in Deutschland. Doch ihre Position ist mitunter eine unrühmliche: Anders als die Babyboomer können sie noch nicht in Rente, müssen die digitale Transformation wuppen. Ihnen fehlt zugleich das demografisch bedingte Druckpotenzial, die Macht der kleinen Geburtenzahlen.
Das erlebt auch Ute Gietzen-Wieland, die als Systemische Coachin und Managementtrainerin arbeitet. Immer häufiger drehten sich Anfragen um Generationskonflikte. Sie berichtet von einer häufig aufgeriebenen Klientel im mittleren Alter. Oft, so erzählt sie es, stoße es diesen Berufstätigen sauer auf, wenn jungen Talenten der rote Teppich ausgerollt wird – und übrig gebliebene Arbeit dann bei ihnen landet.
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Dabei jonglierten sie noch zusätzlich die verschiedenen Rollen im Privatleben: eigene Eltern unterstützen, Kinder großziehen, Haus abbezahlen. „Außerdem überschlagen sich gerade viele Unternehmen mit Change-Prozessen. Viele erschöpft das sehr, sie haben das Gefühl, ihre Mehrfachrollen fressen sie auf.“ Dabei könnten gerade die Jahrgänge im mittleren Berufsalter moderieren und Konflikte entschärfen.
Hinzu kommt: Der Generation X droht der sogenannte Prinz-Charles-Effekt, also ewig übergangen zu werden, warnen Forscher. Denn da sind einerseits die Boomer über ihnen: Die allmählich zwar den Arbeitsmarkt verlassen, aktuell aber noch viele Führungspositionen besetzen – und so das Weiterkommen der „Xer“ blockieren. Andererseits ziehen die Millennials nach, eine Experten zufolge selbstbewusste, wenig hierarchiegläubige und medienkompetente Generation – der die Unternehmen im Kampf um junge Fachkräfte häufig lieber den Vortritt gewähren, wenn es um Aufstiegsmöglichkeiten geht. Die flexibler sind, während die „Xer“ häufig in einer Lebensphase mit Familie und pflegebedürftigen Eltern stecken.
Unternehmen sollten diesen Konflikt auf dem Schirm haben. Denn verzichten können sie keineswegs auf die Schlüsselkinder – sie sind viele, sie sind gut aus- und weitergebildet.
Aber: „Ob die Generation X noch König wird? Das ist eine gute Frage“, sagt Martin Klaffke. „Die Frage ist aber auch, ob sie das überhaupt noch wollen. Und ob sie es wirklich so schrecklich finden, wenn dieser Nachzieh-Effekt eintritt.“ Denn: In ihrer Lebensphase gewinnen Klaffke zufolge bereits Sinngebung und Selbstverwirklichung an Bedeutung, die sich mit der Vorgesetzten-Rolle nicht immer verwirklichen lassen. Und: Wenn Hierarchien wegfallen, passiert das mit Führungsjobs gleichermaßen. Unternehmen bieten daher zunehmend Experten- oder Projektlaufbahnen an. Und auch Bogenkarrieren – also nach einer Führungsrolle wieder in eine Fachposition zu wechseln – verlieren zunehmend ihr schlechtes Image.
„Früher war es das Abstellgleis. Die Vorstellung war, jemand habe es nicht gepackt“, sagt Klaffke, „heute, mit New Work, hat man mehr Verständnis dafür, dass ein Berufstätiger einfach wieder stärker inhaltlich arbeiten möchte.“ Diese Flexibilität, das Ende der starren Linienkarrieren, helfe Babyboomern und Generation X gleichermaßen. Und Unternehmen grundsätzlich, denn wenn sie verdiente Fachkräfte weiterentwickeln können, ohne dass dies unbedingt in eine Leitungsfunktion münden muss, dann sorge das auch dafür, dass Managementposten seltener mit ungeeignetem Führungspersonal besetzt sind. Das, was Klaffke individualisierte Personalarbeit nennt, treiben ausgerechnet auch die Schlüsselkinder voran: „Ihnen müssen Unternehmen die Möglichkeit geben, auch mit Mitte 50 eine Teamleiterposition einnehmen zu können.“
Hinzu komme, dass Studien zeigten, dass die Millennials zwar noch zu Führungsrollen bereit seien; aber nicht mehr im gleichen Ausmaß wie die Älteren.
„Müssen das dringend bei der Generation X hinbekommen“
Klaffke warnt davor, dass der aktuelle Zeitgeist, der viel Wert auf Freizeit und private Abgrenzung legt, mittlerweile auch bei älteren Generationen Diskussionen auslöst. „Da müssen sich 58-Jährige fragen lassen, warum sie denn noch arbeiten und Verantwortung übernehmen.“ Gerade der deutsche Diskurs kippe in diese Richtung. „Für die Babyboomer kriegen wir das kaum noch gedreht. Aber wir müssen es dringend bei der Generation X hinbekommen.“
In den vielen Social-Media-Parodien, die die Generationsklischees zuspitzen, kommt die Generation X jedenfalls häufig am besten weg: dynamischer als der bräsig nachgeahmte Babyboomer, engagierter als der Eiskaffee-schlürfende Millennial und selbstbewusster als der Fischerhut-tragende Gen-Z-Vertreter.
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Transparenzhinweis: Dieser Artikel erschien erstmals im Juli 2023. Wir zeigen ihn aufgrund des hohen Leserinteresses erneut.