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Riedls Dax-Radar
Ein Smartphone zeigt die Kursverluste im Dax am 28. Oktober 2020. Quelle: imago images

Kurserholung im Dax ist überfällig

Gute Zahlen zu Unternehmen und Wirtschaft helfen den Kursen immer weniger, Corona trübt die Aussichten und von der EZB kommt nichts Neues. Es bleibt die Hoffnung auf eine versöhnliche US-Wahl und neue Konjunkturhilfen.

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An der Börse entsteht eine brisante Mischung. Einerseits verschärft sich die Lage um Corona durch steigende Zahlen von Infektionen und Intensivpatienten. Andererseits dürfte die wirtschaftliche Entwicklung, die sich in zuletzt überwiegend guten Unternehmenszahlen widerspiegelte und die in Deutschland im dritten Quartal zu 8,2 Prozent Wachstum führte, wieder an Dynamik verlieren. Der einsetzende Lockdown kann die Erholung sogar endgültig zum Kippen bringen. In Frankreich rechnen Notenbanker für das vierte Quartal schon wieder mit einer schrumpfenden Wirtschaft. 

Als zusätzlicher Nachteil für die Aktienbörsen entpuppt sich die neue Linie der EZB unter Christine Lagarde. Seit Monaten verweist die EZB-Chefin immer wieder darauf, dass das komplette Instrumentarium der Geldpolitik überprüft werde. Natürlich bleiben die Zinsen für die Geschäftsbanken bei minus 0,5 Prozent und bestehende Anleihekaufprogramme werden fortgesetzt. Doch angesichts eines wirtschaftlichen Extremjahres wie 2020 findet eine solche stoische Haltung bei immer weniger Investoren Beifall. Kritische Beobachter wie Targobank-Chefvolkswirt Otmar Lang werfen Lagarde mittlerweile Ohnmacht und Kontrollverlust vor. 

Am Kapitalmarkt ist der leichte Zinsanstieg vom Sommer, bei dem die Renditen für zehnjährige Bundesanleihen von minus 0,60 auf minus 0,40 Prozent vorangekommen sind, längst wieder abgebrochen. Mit minus 0,64 Prozent haben die Bundrenditen nun wieder den tiefsten Stand nach der akuten Coronaphase des Frühjahrs erreicht. Das drückt nicht nur den Euro; das ist zugleich ein Omen für eine abermals bevorstehende konjunkturelle Schwächephase.

Allianz unter Druck, Beiersdorf in der Defensive

Im Dax bekommen das zuallererst konjunkturell empfindliche Aktien zu spüren. BASF rutscht immer mehr in die Nähe des Coronatiefs um 40 Euro, weil sich Anleger vermehrt fragen, ob es bei der bisher großzügigen Dividende bleibt. HeidelbergCement hat die Erholung der vergangenen Monate beendet und ist wieder unter 50 Euro gesunken. Der Betrieb auf Baustellen und mit ihm die Nachfrage nach Zement könnte durch Corona verzögert werden. Vergleichsweise gut halten sich die Autoaktien Daimler und BMW. Hier sollte es bei kurzfristigen Reaktionen nach der starken, vorangegangenen Erholung bleiben. Absatz und Geschäftszahlen haben sich stabilisiert, der wichtige chinesische Markt zieht an, und für den langfristigen Trend E-Mobilität sind die Unternehmen mittlerweile gerüstet. 



Schwer unter Druck stehen die Coronaverlierer Allianz, Münchener Rück und Fresenius. Den Versicherern drohen coronabedingte Schadenszahlungen, Fresenius wird durch die Kliniksparte und die übernommenen Geschäfte in Spanien belastet. Ob sich jetzt schon antizyklische Käufe lohnen, ist fraglich. 

Sogar Dauerläufer Beiersdorf gerät in die Defensive. Der Umsatz hat sich im dritten Quartal zwar wieder belebt, dennoch bleiben die weiteren Aussichten verhalten. Während Konkurrent Henkel in der Coronakrise von stabiler Nachfrage nach Reinigungs- und Waschmitteln profitiert, ist dieser Effekt bei Beiersdorf mit dem Schwerpunkt Pflegemittel weniger ausgeprägt. Zudem rechnet das Unternehmen in diesem Jahr mit einer Verschlechterung der Umsatzrendite. Auch wenn Beiersdorf dank solider Finanzen und langjährig stabiler Geschäftsentwicklung traditionell ein hohe Bewertung verdient, dürfte die Aktie erst einmal unterdurchschnittlich laufen. Für strategische Käufer könnte das Niveau um 85 Euro wieder interessant werden. 

Seit Wochen ungewohnt schwach ist die Aktie der Deutschen Börse AG. Eigentlich ein Gewinner hektischer Zeiten, weil es dann zu lebhaftem Handel kommt, doch blieb das Unternehmen zuletzt unter den Erwartungen. Im Sommerquartal ging der Umsatz um vier Prozent zurück, der Nettogewinn um elf Prozent. Dass auch die Aktien der internationalen Konkurrenten CME und Euronext derzeit unter Druck stehen, spricht nicht für eine schnelle Geschäftserholung. Womöglich wird die Aktie der Deutschen Börse erst im Bereich um 120 Euro wieder interessant.


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Fazit für den deutschen Aktienmarkt: Die Verschärfung der Situation um Corona, eine womöglich wieder abkippende Wirtschaft und drohende schwächere Unternehmenszahlen in den nächsten Monaten sorgen für erhöhte Unsicherheit. Obwohl der Dax nun schon zwei Wochen kontinuierliche Verluste hinter sich hat und dabei mehr als zwölf Prozent einbüßte, schafft der Markt bisher nicht einmal eine kurzfristige Erholung. Eine solche Schwäche gab es in ähnlicher Weise Ende Februar in der Frühphase des Coronacrashs. 

Für die nächsten Tage wäre es wichtig, dass der Dax nun im Bereich um 11.500 Punkten zu einer Kurserholung ansetzt. Dabei könnte er wieder bis an die 200-Tagelinie kommen, die derzeit bei 12.100 Punkten verläuft. Sollte er dann allerdings abermals nach unten abdrehen, wäre das ein gefährliches Signal. Immerhin dürften bis dahin die Ergebnisse der US-Präsidentenwahl vom 3. November bekannt sein. Zumindest diese Unsicherheit wäre dann aus dem Markt.

Mehr zum Thema: Am 28. Oktober verlor der Dax binnen 24 Stunden rund 500 Punkte, mehr als vier Prozent. Riedls-Dax-Radar erklärt Hintergründe und Aussichten.

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