Nato- und G7-Gipfel: „Abwarten, bis Sanktionen sich ins russische System einfressen“
Wolodymyr Selenskyj, Präsident der Ukraine, hebt seine Hand während er per Videokonferenz.
Foto: dpaAuch heute kann Wolodymyr Selenskyj mit Applaus rechnen. Der Staatschef der Ukraine wird beim historischen Dreifach-Gipfel von Nato, EU und G7-Staaten per Video-Schalte in Brüssel auftreten. Selenskyj macht das momentan häufig, es gibt sogar Überlegungen, ihn bei der Oscar-Verleihung zuzuschalten. Ein verzweifelter Kämpfer tourt durchs Internet. Und jedes Mal fordert Selenskyj: mehr Unterstützung, mehr Einsatz, mehr Waffen. Und mehr Sanktionen gegen Russland.
Während der Bundestag Anfang des Monats nach Selenskyjs beeindruckender Online-Rede noch ohne Umschweife zur Tagesordnung überging, bekommt der ukrainische Staatschef heute neue prominente Unterstützung. Der eigens angereiste US-Präsident Joe Biden hatte bereits im Vorfeld angekündigt, beim Nato-Treffen neue Sanktionen vorzustellen. Biden – mehr als Selenskyj selbst – erhöht damit den Druck unter anderem auf Deutschland, noch einmal einen Gang höher zu schalten im Konflikt mit Wladimir Putin.
Und die Bundesregierung? Übt sich in Zurückhaltung. Bundeskanzler Olaf Scholz betonte gerade erst in seiner Regierungserklärung am Mittwoch: Kein umgehender Stopp von russischem Öl und Gas. Stattdessen: Sanktionen nachschärfen, Auswirkungen abwarten.
Es scheint zwei unterschiedliche Geschwindigkeiten zu geben beim Druck auf Russland. Wer in Regierungskreisen nachfragt, bekommt zumindest diesen Eindruck. Gemeinsame Sanktionen würden nur dann ausgedehnt, falls das nötig werde, heißt es. Oder auch: Maßnahmen müssten nicht identisch ausfallen. Wichtig sei nur der „Gleichklang“ mit den USA. Schon jetzt zeigten sich dabei Auswirkungen auf Wirtschaftsaktivitäten in Deutschland, „die nicht beabsichtigt waren“. Nein, nach vier Sanktionsrunden stehe jetzt erst einmal „kalibrieren und umsetzen“ auf der Agenda. Das wird auch die Botschaft der Regierung in Brüssel sein.
Die Ampel meint damit vor allem zwei Dinge. Zum einen die Durchsetzung der bereits bestehenden Sanktionen. Weil viele russische Oligarchen ihr Geld noch immer so gut wie anonym in Ländern wie Deutschland parken können, etabliert die Ampel gerade eine eigene Taskforce. Sie soll bisher löchrige Exportrestriktionen, Beschränkungen des Finanz- und Kapitalmarkts und eben Maßnahmen gegen Einzelpersonen und Organisationen durchsetzen. Die Liste der beteiligten Behörden dieser Taskforce liest sich wie ein Song der Fantastischen Vier: BMWK, BMF, BMDV, BMJ, AA, BND, BKA, BfV, BaFin, ZKA, FIU, HZA, BAFA – fehlt nur noch ein MfG, mit freundlichen Grüßen. Es scheint jedenfalls einigen Koordinierungsbedarf zu geben.
Zum anderen ist da die fieberhafte Suche nach alternativen Möglichkeiten der Energieversorgung für Deutschland. Zuletzt hatte bereits der kurz anberaumte Besuch des grünen Wirtschaftsministers Robert Habeck in Katar und Abu Dhabi gezeigt, wie schnell es gehen muss. Auch ein Osterpaket des Wirtschaftsministeriums soll bald Antworten auf die Fragen geben, wie schnell sich regenerative Energien in Deutschland ausbauen und wie kurzfristig sie sich auf den Weltmärkten beschaffen lassen. „Wir gehen alle Raffinerien und alle Kraftwerke durch“, heißt es aus Regierungskreisen. Aber auch: „Über einen Importstopp aus Russland können wir erst nachdenken, wenn Deutschland unabhängiger geworden ist. Davon sind wir noch weit entfernt.“ Auch der Trend ist Teil der Botschaft gen Brüssel: Nicht mehr und mehr, sondern weniger und weniger Gas und Öl aus Russland.
Die Strategie der Bundesregierung, sie scheint neben der Ultima Ratio Importstopp kaum noch Raum für andere neue Maßnahmen zu lassen. Denn es stimmt ja: Russische Staatsunternehmen können eben nur einmal vom Finanzmarkt abgeschnitten und Transaktionen mit der Notenbank eben nur einmal verboten werden. Diese Karten hat Olaf Scholz schon gezogen. Aus Regierungskreisen heißt es wohl auch deshalb: „Es ist legitim, jetzt einmal abzuwarten, Umgehungen zu vermeiden und dann zu beurteilen, wie sich die Sanktionen ins russische System einfressen.“
Lesen Sie auch: Ein wissenschaftlicher Artikel, 1999 im Namen Wladimir Putins erschienen, gibt Aufschluss über seine frühen strategischen Überlegungen.