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So tickt der neue CDU-Chef Das Psychogramm des Armin Laschet

Armin Laschet wusste von Beginn an, dass er als CDU-Politiker im SPD-dominierten Nordrhein-Westfalen nur Erfolg hat, wenn er die Masse der Arbeiter und Angestellten an Rhein und Ruhr überzeugt. Quelle: REUTERS

Er regiert mit der FDP, ist mit führenden Grünen befreundet und betreibt in NRW Industriepolitik. Geprägt hat ihn seine Familie, das Aufstiegsversprechen der alten Bundesrepublik und das katholische Umfeld Aachens.

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Den emotionalen Höhepunkt seiner Bewerbungsrede um den CDU-Parteivorsitz am Samstag hatte sich Armin Laschet bis zum Schluss aufbewahrt. Er zog die Erkennungsmarke seines Vaters aus der Tasche, die dieser vor langer Zeit als Bergmann bekommen und jetzt dem Sohn als Glücksbringer zum digitalen Parteitag mit nach Berlin gegeben hatte. Wer unter Tage arbeitet, so die Botschaft, muss sich auf andere verlassen und ihnen vollkommen vertrauen können.

Ebenso sei es in der Politik, sagte Laschet. Es komme in erster Linie auf das Vertrauen der Menschen in die politischen Führungskräfte an – und eben nicht auf Polarisierung und Inszenierung. Diese kleine Spitze zielte auf Friedrich Merz und Markus Söder, aber war die rhetorische Einlage mit der Bergmannsmarke des Vaters nicht auch inszeniert?

Wer Laschets Biografie kennt, der weiß um die Prägung des Vaters für sein politisches Wirken. Heinz Laschet schaffte es auf dem zweiten Bildungsweg, sich vom Bergmann zum Lehrer zu qualifizieren. Möglich machte das eine Reform des damaligen Kultusministers Paul Mikat (CDU), weshalb die Absolventen dieser Umschulungsmaßnahmen auch „Mikätzchen“ genannt wurden. Der Vater, ein Produkt des Aufstiegsversprechens der alten Bundesrepublik, hatte seinem früh in die Politik strebenden Sohn auf diese Weise zwei Dinge mit auf den Weg gegeben: Aufstieg ist in der Regel nur durch Bildung möglich und er muss politisch gewollt und durchgesetzt werden.

Wirtschaft ist vor allem Industriepolitik

Laschet wusste von Beginn an, dass er als CDU-Politiker im SPD-dominierten Nordrhein-Westfalen nur Erfolg hat, wenn er die Masse der Arbeiter und Angestellten an Rhein und Ruhr überzeugt. Und das würde nur gelingen, wenn genügend gut bezahlte Arbeitsplätze in der Industrie des Landes zur Verfügung stünden – als Grundlage eines breiten Wohlstands, dem obersten Ziel der sozialen Marktwirtschaft von Ludwig Erhard.

Obwohl Laschet sich oft auf Erhard bezieht, hat er seine Wirtschaftspolitik vor allem als Industriepolitik angelegt, zumal in einem Bundesland, das durch den Niedergang von Kohle und Stahl Jahrzehnte lang harten Brüchen und Veränderungen ausgesetzt war. Dass ein so umwälzender Strukturwandel nur gelingen kann, wenn der Staat die unvermeidbaren Härten abfedert und durch Förderung von Bildung und Forschung Alternativen in Form neuer Unternehmen und Beschäftigung ermöglicht, hat Laschets Verständnis von Marktwirtschaft geprägt. Das war auch spürbar, als der NRW-Ministerpräsident an der Spitze der betroffenen Länder den Kohleaussteig und seine Bedingungen verhandelte. Ohne eine strukturpolitische Perspektive hätte er der Schließung der Bergwerke niemals zugestimmt.

Wechselvolles Verhältnis zu den Grünen

Im Zuge dieser Ausstiegspolitik ist auch Laschets jahrelang gutes Verhältnis zu den Grünen in starke Mitleidenschaft gezogen worden. Hatten die Grünen als Regierungspartei in NRW zusammen mit der SPD noch die Genehmigung für den Braunkohletagebau Garzweiler II erteilt, so wollten sie davon später als Oppositionspartei nichts mehr wissen. Schlimmer noch: Grüne Abgeordnete beteiligten sich an den Protesten gegen die Rodung des Hambacher Forstes, ganz so, als hätten sie mit der Genehmigung nichts mehr zu tun.



Dabei hatte Laschet jahrelang enge Beziehungen zu führenden Grünen gepflegt, mit Cem Özdemir ist er bis heute befreundet. Laschet wurde 2005 erster Integrationsminister Deutschlands. Er profilierte sich mit liberalen Tönen, die in der CDU damals nicht gut ankamen und ihm sogar den Spitznamen „Türken-Armin“ bescherten.

Bereits als junger Bundestagsabgeordneter in Bonn zählten er und Özdemir zur „Pizza-Connection“, einem Kreis von christdemokratischen und grünen Jungparlamentariern, die sehr zum Missfallen des damaligen Kanzlers Helmut Kohl in einem italienischen Restaurant erste Annäherungsversuche unternahmen. Viele Mitglieder dieser „Pizza-Connection“ zählen bis heute zur Führung der CDU: Neben Laschet waren das noch Norbert Röttgen, Peter Altmaier oder Hermann Gröhe. Doch das bedeutet lange nicht, dass einer möglichen schwarzgrünen Koalition auf Bundesebene keine Hindernisse mehr im Weg stünden.

Im Gegenteil: Laschet hat in NRW bewusst die FDP als Partner gewählt und regiert dort recht erfolgreich mit einer hauchdünnen Ein-Stimmen-Mehrheit. Er will mit den Liberalen Klimaschutz und Technologie verbinden - und im Zweifel sind ihm heute Arbeitsplätze immer noch wichtiger als eine weitere Verschärfung nationaler Emissionswerte. Ginge es nach Laschet, würde er die FDP am liebsten mit in eine künftige Bundesregierung einbinden – was freilich nur möglich wäre, wenn Union und Grüne keine Mehrheit erringen sollten.

Frühe Prägung durch die Kirche

Eine weitere Prägung des neuen CDU-Vorsitzenden findet sich im kirchlichen Umfeld seiner Familie. Schon Laschets Eltern waren in ihrer Pfarrgemeinde und in zahlreichen Vereinen und sozialen Einrichtungen engagiert, der Sohn wuchs in dieses katholische Milieu hinein. Sein Abitur machte er am Bischöflichen Pius-Gymnasium in Aachen, damals noch eine reine Jungenschule zur Förderung des Priesternachwuchses im Bistum. Folgerichtig fand Laschet mit 16 Jahren den Weg in die Schüler-Union, wo er unter anderem Merkels früherem Kanzleramtsminister und heutigem Bahn-Vorstand Ronald Pofalla begegnete.

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Die Kirche und der Glaube können einem Gemeinschaftsgefühl und auch Demut vermitteln, hat er einmal gesagt, zumindest nehme man sich als Christ selbst nicht zu wichtig. Vielleicht tritt Laschet auch deshalb eher bescheiden auf und scheut bis heute jene öffentlichen Kraftmeiereien, die vielen Spitzenpolitikern zu eigen sind.

Darin ähnelt er Angela Merkel, die als Pfarrerstochter ebenfalls in einem kirchlichen Umfeld aufwuchs und pompöse Auftritte auch nach fast 16 Jahren Kanzlerschaft ebenso wenig schätzt wie ihr Nachfolger an der CDU-Spitze. Auch wenn der joviale und freundliche Rheinländer Laschet sonst eher wenig Gemeinsamkeiten mit der nüchternen Uckermärkerin Merkel aufweist – politisch zogen sie bislang immer an einem Strang. Das Motto „weiter so“ sieht er nicht als Kritik. An die Erfolge von Merkel will er anknüpfen, aber auch neue Wege gehen, betont er in seiner Bewerbungsrede.

Zunächst aber muss Laschet wohl erst einmal seine Stärken als Integrator unter Beweis stellen und die enttäuschten Anhänger von Friedrich Merz einbinden. Ohne eine geschlossene Union, das weiß Laschet, dürfte er es kaum schaffen, Angela Merkel im Kanzleramt zu beerben.

Mehr zum Thema: Armin Laschet soll die Partei als neuer Chef in das Superwahljahr 2021 führen. Doch was kann die Wirtschaft vom 59-jährigen erwarten?

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