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TauchsiederSchlechte Laune?

Die Briten wählen die Nationalisten ab, die Franzosen stoppen den Rechtsdrall, die Deutschen können noch Fußball spielen – und der Ampel gelingt ein Durchbruch. Na siehste. Es geht noch was. Zumindest mit rosaroter Brille. Eine Kolumne.Dieter Schnaas 07.07.2024 - 08:15 Uhr

Stefanie Reinsperger während der Fotoprobe für das Stück Phaidras Liebe im Berliner Ensemble.

Foto: imago images

Auf den richtigen Gebrauch des Thalamus kommt’s an. Also auf den unseres Zwischenhirns. Der Thalamus verdankt seinen Namen bekanntlich dem griechischen Wort thálamos. Damit ist ein innerer Raum, ein intimer Rückzugsort, ein Schlafgemach bezeichnet: Hier bleibt die Welt außen vor, hier kommt die Seele glücklich zur Ruh', hier findet der Mensch sein privates Glück – seinen Frieden.

Im zweiten Teil von Homers Odyssee, in dessen Zentrum die Rückkehr des trojanischen Kriegshelden nach Ithaka steht, kreist mit den Freiern der Penelope (und Odysseus selbst) letztlich die gesamte Handlung um das Ehebett, mitten im thálamos, im Zentrum des Hauses: Alle zieht’s zur Minne, zur Wonne – vor allem aber in den Schoß der Haushüterin, in den Privatbezirk, der für alle übrigen Angehörigen des oîkos absolut unzugänglich ist. Hier nur, im thálamos, kann der erschöpfte Odysseus, zehn Jahre willenlos hin und her bewegt vom Schicksal, die Welt endlich aussperren und zu sich kommen, seine Balance wieder finden – sich mit dem Los seines Lebens versöhnen.

Drei Wochen lang hat die Fußball-Nationalmannschaft nun versucht, den Deutschen eine Art thálamos zu sein: ein Refugium für die Nationalseele, ein niedrigschwelliger Zufluchtsort für stressierte Bürger – ein Schutzraum vor einer Welt der schlechten Nachrichten und der eigenen Übellaunigkeit. Die Ampel, der Populismus, die Bürokratie, der Krieg, die Stromkosten, der Standort, die Transformation, der Handelskrieg und die Demografie, der Putin, der Orban, der Trump und die Le Pen – drei kühle Sommerwochen lang haben wir das alles halbwegs gemeinsam halbwegs ausgesperrt. 

Tauchsieder

Rechts(dr)außen?

von Dieter Schnaas

Und wären die Deutschen ins Finale gekommen, wer weiß, vielleicht hätten die Deutschen am Ende sogar mit Julian Nagelsmann verstanden, „in was für einem schönen Land wir leben“, vielleicht wären sie wieder etwas dankbarer geworden, dass der liebe Gott sie ausgerechnet hierzulande hat auf die Welt kommen lassen: in einem Land, in dem jeder unbehelligt von Potentaten und Theokraten seines Weges gehen kann, die Mächtigen kritisieren und abwählen darf – in einem, Land, das jedem seiner Bürger aufhilft, wenn sie straucheln – das jedem Menschen nicht nur eine, sondern zwei, drei, vier Chancen gewährt, seines persönlichen Glückes Schmied zu sein – um es sich in seinem je eigenen thálamos auf einem hohen Wohlstandsniveau gemütlich einzurichten.

Und jetzt? Übernehmen wieder AfD und BSW die Nachrichtenregie? Sie bringen es inzwischen bundesweit auf rund 25 Prozent Zustimmung: Jeder Vierte Schwarz-Rot-Gold-Gewandete auf Deutschlands Fanmeilen wählt neidgesättigte Stänkerei und Ressentiment, falsche Friedenssehnsucht und Diktatorenkuschelei, völkische Ausgrenzungsfantasien und sozialen Chauvinismus. Einerseits. Andererseits geben diese Deutschen auch lang ignorierten Problemen und vielen ausbleibenden Lösungen ihre Gegenstimme: Sie wählen die soziale Ungleichheit und das Stadt-Land-Gefälle ab, eine miserable Infrastruktur, baufällige Schulen und unterbesetzte Polizeireviere, analoge Bürgerämter, fahrlässig importierte Kriminalität – und die doppelte Staatsbürgerschaft für türkische Wolfsgruß-Nationalisten. 

Gewiss, man kann in Deutschland immer noch das Hohelied der Wohlstands, der Demokratie und des kulturellen Pluralismus singen. Aber überzeugender klänge es, wenn auch Demokraten es noch aus vollem Herzen singen könnten. Dazu müsste die Regierung entschlossener sein, ihren inneren und äußeren Feinden entgegenzutreten. Und das Land wieder sichtbar auf Vordermann bringen: viel mehr Staatsgeld für Sicherheit, Arbeit, Bildung, Kitas und Infrastruktur, also für Soldatinnen und Polizisten, Justizjuristen und Lehrerinnen, Niedriglöhner, Frauen, Rentner im Job – und viel weniger Geld zum Beispiel für Sozialklimbim.

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Der Name Thalamus ist übrigens perfekt gewählt: Neurowissenschaftler verstehen unser Zwischenhirn als eine Art Filter gegen die Informations- und Reizüberflutung. Der Thalamus winkt nicht alles durch, was unsere Sinne wahrnehmen, um andere Teile des Hirns zu entlasten: Er siebt Eindrücke aus, trifft eine Informationsauswahl und ordnet das sinnlich Registrierte bekannten Mustern zu. Man könnte auch sagen: Der Thalamus hilft uns dabei, in Schubladen zu denken. Und das ist zunächst einmal gut so: Stellen Sie sich vor, Sie müssten bei jeder Ampel, die auf rot springt, erst einmal sorgfältig nachdenken, was zu tun ist.

Allerdings hat der Thalamus auch seine Schattenseiten – und man muss höllisch aufpassen, dass er nicht übermächtig wird, dass man die Welt nur noch nachtschwarz oder rosarot sieht. Dann schwingt sich der neutrale Filter-Arbeiter zum parteiischen Schaltzentralen-Chef auf. Dann quellen ein paar wenige Schubladen über. Dann nehmen die Bilder, die man sich von der Wirklichkeit macht, sonderbare Verzerrungen an – so sonderbar, dass sie für andere kaum mehr zu entschlüsseln sind.  

Erkenntnistheoretisch gesprochen: Es ist kein Problem, wenn jeder Mensch eine je eigene Vorstellung von einem „Stuhl“ hat und dass es das Bild eines „Tischs“ nur in acht Milliarden individuellen Varianten gibt: Man kann ja trotzdem über einen Stuhl reden und sich auf eine gemeinsame „Idee“ eines Tisches verständigen. Aber was, wenn man seinen Thalamus im Laufe der Jahre im Hinblick auf abstrakte(re) Begriffe konditionierte? Wenn man etwa jede neue Information über „Ausländer“, „die Grünen“, „Nazis“, „Corona“ oder „Standort Deutschland“ nurmehr unbewusst durch die erfahrungsgesättigten Voreinstellungen seines Thalamus jagte? 



Nun – dann bekommt die individuelle Perzeption eine Schlagseite. Dann schlägt das wertneutrale Filterverfahren in einen gewählten Ausleseprozess, schlägt selektive Wahrnehmung in parteiische Reizreaktion um. Dann ist der thálamos kein Ort der situativen Entlastung, des Rückzugs und der Ruhe, des Zu-Sich-Kommens und des privaten Glücks mehr. Sondern ein Spiegelsaal der Vorurteile. Eine Komastation des Intellekts. Ein Grab der Vernunft. Und die Menschen werden einander unverständlich, weil sie die Phänomene der Welt lieber in ihre je eigenen Schubladen einsortieren  als sie auf einen gemeinsamen Begriff bringen zu wollen.

Deshalb noch einmal: Auf den richtigen Gebrauch des Thalamus kommt’s an. Er ist seit zwei, drei Jahren als Informationsfilter besonders beschäftigt, hat verdammt viele (schlechte) News zu verarbeiten. Es ist daher auch völlig in Ordnung, dass sich sein Filternetz in diesen Sommer- und Ferienwochen auch mal zuzieht, wenn ihn abermals Nachrichten über den Krieg in der Ukraine, Streit in der Ampel oder den Aufstieg des Sozialchauvinismus in Frankreich erreichen. Und es ist genauso in Ordnung, dass er vorübergehend durchlässiger wird für Toni-Kroos-Passquoten und VAR-Entscheide. 

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Allerdings sollte unsere selektive Wahrnehmung nicht dazu führen, dass wir die Welt nur noch schwarzmalen oder schönreden. Nur ruchlose Menschen sind Optimisten, hat Schopenhauer mal gesagt. Recht hat er. Aber ein bisschen mehr kritische Zuversicht und reflektierte Selbstsicherheit, auch über die EM hinaus, das kann dieses Land nicht nur vertragen – das dürfen wir uns ruhig auch mal selbst verschreiben – solange wir unseren Thalamus nicht daran hindern, die Realität rauszufiltern, um nurmehr in unserer je eigenen „Realität“ zu leben: gefangen im Spiegelkabinett unserer Zerrbilder, eingeschlossen in den Echokammern unserer Vor-Urteile.

Was heißt das mit Blick auf die aktuelle Nachrichtenlage? Das britische Wahlergebnis zum Beispiel bezeugt weder einen „historischen Triumph“ für Labour noch umgekehrt einen „Rechtsruck“ im Land, weil die Nationalpopulisten um den diabolischen Politclown Nigel Farage um zehn, elf Punkte zugelegt haben – sondern es bezeugt die Abwahl einer Partei, die vor Rishi Sunak unendlich viele Beweise ihrer Regierungsunfähigkeit vorgelegt hat. 

In Frankreich werden Bündnisse zwischen Linken, Grünen und Emmanuel-Macron-Liberalen im zweiten Wahlgang eine absolute Parlamentsmehrheit der Partei RN zu verhindern wissen. Doch damit ist der Aufstieg des Rechtsnationalismus in Europa noch nicht gestoppt, weder in Frankreich, noch in Österreich, Ungarn, den Niederlanden – und schon gar nicht in deutschen Bundesländern wie Thüringen, Sachsen, Brandenburg.

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Im Gegenteil: Die schändliche Reise des EU-Ratsvorsitzenden Viktor Orbán nach Moskau, als Friedensmission beklatscht von ihm selbst, dem slowakischen Präsidenten Fico und den Kreml-Claqueuren der AfD und BSW, ist nicht nur der diplomatische Tiefpunkt in der Geschichte des „Friedensprojekts“ Europa. Sie zeigt auch: Die europäischen Demokratien und „Brüssel“ werden von einer „neonationalen Internationale“ in Europa schamloser denn je angegriffen, also von innen heraus: ein politisches Generalrisiko für den militärisch kraftlosen und populationsschwachen Kontinent. 

Und die Ampel in Deutschland? Je nun. Die Koalition hat einen „Durchbruch“ im Haushaltsstreit erzielt, heißt es. So kann man es sehen. Aber natürlich kann man es auch so sehen: Das Trio Scholz-Habeck-Lindner hat 23 Mal und insgesamt 80 Stunden verhandelt, um das Minimum dessen, was man von einer Regierung erwarten darf, vorzulegen: einen Haushaltsrahmen. 

Man hat wahnsinnig viel Kreativität dafür aufgewendet, um Lücken zu schließen, ohne groß sparen zu müssen. Man hat sich parteipolitisch verausgabt, um exakt kein Kardinalproblem dieses Landes nachhaltig zu lösen. Man schraubt sehr kleinhandwerkerseriös ein bisschen hier und da und durchaus richtig (Anreize für Arbeitsaufnahme, steuerfreie Überstunden, Arbeitsanreize für Rentner). Aber so wird der Investitionsstau nicht aufgelöst. Der Sozialstaat nicht ertüchtigt. Die Verteidigungsfähigkeit des Landes nicht sichergestellt. Ein „gelungenes Kunstwerk“, so Kanzler Scholz? Eher Haushaltsmalen nach Zahlen.

Auf den richtigen Gebrauch des Thalamus käme es an. Aber die Regierung sieht vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Ihre Realität ist das kämmer-krämerische Räderwerk von Karlsruhe-Urteilen und Buchungsmanövern, von Sondervermögen und Zinsspielräumen, von Verpflichtungsermächtigungen und globalen Minderausgaben. Das ist der historischen Lage, in der sich Deutschland und Europa befinden, nicht angemessen. So wächst nicht Zuversicht. So wächst Verdruss. So wächst der scheele Blick auf eine Politik, die keine Dinge mehr erledigt bekommt. So wächst in der Bevölkerung: der falsche Gebrauch des Thalamus.

Lesen Sie auch: Die Schuldenpolitik der Populisten destabilisiert die Währungsunion

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