Trumps Auto-Schelte: Das Problem sind nicht die deutschen Autobauer

Donald Trump hat erneut die deutschen Autobauer kritisiert.
Foto: AP„The Germans are bad, very bad.“ Deutliche Worte, die US-Präsident Donald Trump da gefunden hat. Ob man „bad“ nun mit böse oder schlecht übersetzen will, sei dahingestellt. Die Aussage ist ähnlich: Die bösen (oder eben schlechten) Deutschen verkaufen mehr nach Amerika als sie dort einkaufen. Besonders „fürchterlich“ sei es, dass Deutschland so viele Autos in den Vereinigten Staaten verkaufe. „And I will stop that!“
Mal wieder die Autoindustrie. Sie ist eins von Trumps Lieblingszielen. Bereits im Januar, noch vor seinem Amtsantritt, hatte er gegen die deutschen Autobauer gewettert, speziell gegen BMW. „Sie können Autos für die USA bauen, aber sie werden für jedes Auto, das in die USA kommt, 35 Prozent Steuern zahlen“, sagte Trump damals in einem langen Interview. Auch andere deutsche Autobauer bekamen ihr Fett weg: In manchen Straßen der USA stehe vor jedem Haus ein Mercedes-Benz. Das beruhe aber nicht auf Gegenseitigkeit. „Wie viele Chevrolets sehen Sie in Deutschland? Nicht allzu viele, vielleicht gar keine, man sieht dort drüben gar nichts, es ist eine Einbahnstraße“, so Trump.
Das Problem damals wie heute: Trumps Vergleiche hinken. Und das gewaltig.
Richtig ist, dass man in Deutschland immer weniger Chevrolets sieht. Weil sie hierzulande nicht mehr verkauft werden. 2013 hat General Motors freiwillig den Rückzug Chevrolets aus Europa angekündigt, um den Töchtern Opel und Vauxhall mehr Raum zu lassen. In den Jahren zuvor hatte Chevrolet mit einer Billig-Strategie und Opel-Technik den Rüsselsheimern Marktanteile streitig gemacht. Und mit dem Verkauf von Opel an PSA hat sich GM komplett aus Europa zurückgezogen, von dem Export weniger Corvettes und Cadillacs abgesehen.
Wie kommt es aber, dass ein US-Amerikaner lieber viel Geld für eine Mercedes C-Klasse oder noch schlimmer einen importierten Audi A4 ausgibt, als einen Chevrolet Impala zu kaufen? Niemand hat den US-Kunden gezwungen, ein deutsches Auto zu kaufen. Aber ganz offensichtlich findet er diesen Wagen so viel besser als die Angebote amerikanischer, japanischer oder koreanischer Hersteller, dass er sich ganz bewusst dafür entschieden hat – und sogar deutlich mehr dafür zahlt.
Die Antwort auf Trumps Problem ist also weniger bei den deutschen Autobauern als bei den amerikanischen zu suchen. Es existiert eine Nachfrage nach den Premium-Autos, das ist Fakt. Sonst hätten BMW, Audi oder Porsche wohl keine Chance in den USA. Die beiden größten US-Konzerne haben selbst Premium-Marken im Angebot, nämlich Lincoln (Ford) und Cadillac (General Motors). Wenn sich dann der amerikanische Kunde immer noch für die nicht gerade günstige Importware entscheidet, stimmt einfach etwas mit dem Angebot der heimischen Hersteller nicht – ob es nun der Preis, die Qualität oder das Image ist, mag von Fall zu Fall abhängen.
Das lässt sich auch auf die Situation amerikanischer Autos in Deutschland übertragen: Natürlich bietet Cadillac gute Limousinen in der Mittel- oder Oberklasse. Das Design muss man mögen, technisch und inzwischen auch qualitativ fallen die Modelle ATS und CT6 bei weitem nicht mehr so stark ab wie früher. Verkaufen sie sich deshalb besser? Nein. Dazu gibt es einfach zu wenige Händler, um auf dem Massenmarkt attraktiv zu sein.
Doch wie sieht es auf dem Massenmarkt in den USA aus? Ist die aktuelle Aussage mit den „Millionen von Autos die sie in den USA verkaufen“ plausibel? Natürlich nicht, sie ist bestenfalls als fragwürdig einzustufen. Nach Daten des deutschen Branchenverbandes VDA kamen die deutschen Autobauer Mercedes, BMW, VW & Co in den USA im vergangenen Jahr auf einen Gesamtabsatz von 1,33 Millionen Fahrzeugen. Ihr Marktanteil in den USA liegt bei etwas mehr als sieben Prozent – alle Hersteller zusammengerechnet, wohlgemerkt.
Insgesamt wurden 2016 auf dem US-Markt 17,5 Millionen neue Fahrzeuge verkauft – Pkw und Light Trucks, das sind etwa die beliebten Pick-ups. Platzhirsche auf dem US-Automarkt sind nach Daten des Fachblatts „Automotive News“ die US-Autokonzerne General Motors mit einem Marktanteil von 17,3 Prozent sowie Ford mit 14,8 Prozent. Dahinter folgen der japanische Hersteller Toyota mit einem Marktanteil von 14 Prozent, der italienisch-amerikanische Konzern Fiat Chrysler mit 12,9 Prozent sowie der japanische Autobauer Honda mit 9,3 Prozent.
Und das erste Trump-Opfer BMW? Bereits heute steht das größte BMW-Werk der Welt in den USA. Dort fertigen die Münchner vor allem SUV – teilweise, wie mit dem kommenden Groß-SUV X7 direkt für den US-Markt, größtenteils aber für verschiedenste Märkte weltweit. BMW ist nach eigenen Angaben der größte Fahrzeug-Exporteur der USA. Nicht GM, nicht Ford. Ein Beispiel: Jeder BMW X5, der durch Deutschland fährt, ist „Made in the USA“.
Daimler macht es ganz ähnlich: Die großen SUV-Modelle GLE und GLS werden im US-Bundesstaat Alabama gebaut und dann für den Export verschifft. Und auch die C-Klasse, die in den USA angeboten wird, wird nicht aus dem Werk in Bremen importiert, sondern wird in Alabama gefertigt. Die C-Klasse ist übrigens das Auto mit der dritthöchsten US-Wertschöpfung. Besser sind nur der Jeep Wrangler und – Obacht – der Toyota Camry. Das amerikanischste Auto ist ein Japaner, der in Kentucky gebaut wird.
Jeep Compass – zu 69 Prozent amerikanisch
Zu viel Mercedes, zu wenig Chevrolet: Donald Trump hat den angeblichen Auto-Imperialismus der Deutschen kritisiert. Dabei hätte er nur in die Statistiken seiner eigenen Highway-Administration schauen müssen, um zu sehen, wie wenig das Herstellerlabel über die „Nationalität“ eines Autos aussagt.
Bereits seit dem Sommer 1994 sind alle Hersteller verpflichtet, für jeden Neuwagen den Anteil des in den USA geschöpften Wertes zu nennen. Der „American Automobile Labeling Act“ verlangt von Pkw-Händlern zudem, auch den Ort der Endmontage sowie die Herkunft von Motor und Getriebe auf einem Aufkleber an jedem Auto zu nennen. Potenzielle Käufer können darüber hinaus auf den Internetseiten der Highway-Sicherheitsbehörde NHTSA die Amerika-Quote jedes aktuellen Modells recherchieren. Im Falle des Jeep Compass sind das 69 Prozent.
Foto: FiatFord F-150 – zu 70 Prozent amerikanisch
Seit Jahren ist der F-150 das meistverkaufte Auto der USA. Aber es ist bei Weitem nicht das amerikanischste, denn das AALA-Label weißt lediglich 70 Prozent aus – das können andere, auf den ersten Blick weniger amerikanische Autos besser. Immerhin macht es der Ford besser als die Nummer zwei der Zulassungsstatistik, der Chevrolet Silverado: Der ist nur zu 38 Prozent amerikanisch.
Foto: WirtschaftsWocheHonda Accord – zu 70 Prozent amerikanisch
Der Honda Accord kommt in der Zulassungsstatistik auf Rang neun – in den USA, nicht in Deutschland. Mit 70 Prozent amerikanischer Fertigung reicht es zwar nicht fürs Podium, dennoch lässt die vermeintlich japanische Limousine etwa einen Chevrolet Malibu oder Impala weit hinter sich.
Foto: Auto-Medienportal.NetAcura MDX – zu 70 Prozent amerikanisch
Auf denselben Wert kommt der Acura MDX. Das Crossover der Honda-Nobelmarke Acura wird bei uns nicht verkauft und hat es auch in den USA nicht in die Top 50 geschafft. Wenn es nach der Logik von Donald Trump geht, sollte sich das bald ändern.
Foto: HondaGMC Acadia – zu 71 Prozent amerikanisch
In Amerika hat der SUV-Boom einst begonnen, nirgendwo sonst werden so viele SUV gebaut. Einige der Modelle werden auch nur für den nordamerikanischen Markt gefertigt. Wie das folgende Trio aus dem Hause General Motors: Der GMC Acadia ist zu 71 Prozent amerikanisch und wird nicht nach Europa exportiert.
Foto: WirtschaftsWocheBuick Enclave – zu 71 Prozent amerikanisch
Der Acadia teilt sich die sogenannte GM-Lambda-Plattform mit dem Buick Enclave, der ebenfalls auf 71 Prozent kommt.
Foto: WirtschaftsWocheChevrolet Traverse – zu 71 Prozent amerikanisch
Das Trio rundet der technisch baugleiche Chevrolet Traverse ab – mit 71 Prozent das amerikanischste GM-Modell.
Foto: WirtschaftsWocheMercedes C-Klasse – zu 72 Prozent amerikanisch
Siehe da, ein vermeintlich deutsches Auto ist amerikanischer als ein Chevrolet: Die Mercedes C-Klasse wird für den US-Markt in dem Werk Tuscaloosa, Alabama gebaut und schlägt mit seinen 72 Prozent jeden Ford und Chevrolet. Die ebenfalls in Tuscaloosa gebauten GLE (65 Prozent) und GLS (62 Prozent) kommen auf geringere Werte, aber immer noch besser als der in Chattanooga, Tennessee, gebaute VW Passat (30 Prozent). BMW wird in der 2017er-Liste noch nicht geführt. Audi rangiert nur zwischen 0 und 1 Prozent – die Ingolstädter haben kein Werk in den USA.
Foto: DaimlerJeep Wrangler – zu 73 Prozent amerikanisch
Der Jeep Wrangler ist das Urgestein der amerikanischen Offroad-Marke und wird in Toledo, Ohio gefertigt. Mit seinen 73 Prozent (Zweitürer: 72 Prozent) geht er als amerikanisches Auto durch – obwohl Jeep bekanntlich zu FiatChrysler Automobiles gehört. Und das ist ein italienisch-amerikanischer Konzern mit steuerlichem Sitz in den Niederlanden, einem Hauptsitz in London und einem italienisch-kanadischen Chef.
Foto: FiatToyota Camry – zu 75 Prozent amerikanisch
Das amerikanischste aller amerikanischen Autos kommt von keiner amerikanischen Marke. Der Toyota Camry ist zu 75 Prozent amerikanisch, wird in Kentucky montiert und bekommt dort auch Motor und Getriebe aus amerikanischer Produktion eingepflanzt. Donald Trump besitzt zwar einen beträchtlichen Fuhrpark, ob ein Toyota Camry darunter ist, ist aber nicht überliefert. Immerhin dürfte es Trump erspart bleiben, künftig Toyota fahren zu müssen: Der Secret Service wird wohl weiter auf die gepanzerte Präsidenten-Limousine bestehen. Und das ist ein Cadillac.
Foto: WirtschaftsWoche
Was Trumps Gerede besonders obskur macht: Es ist kein rein deutsch-amerikanisches Problem. Erst vor wenigen Tagen hat GM angekündigt, in Südafrika und Indien den Vertrieb von Chevrolet bis zum Jahresende einzustellen. Man wolle sich auf ertragreichere Märkte konzentrieren, heißt es aus Detroit.
Man könnte auch sagen: Das Interesse an amerikanischen Autos ist nicht nur in Deutschland gering.