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  4. Lilium, Volocopter, Esprit: Diese Insolvenzen hielten uns 2024 in Atem

Während der Elektro-Flugzeugbauer Lilium und der Luxuswarenhauskonzern KaDeWe gerettet wurden, wird Esprit den Geschäftsbetrieb in Deutschland einstellen.

Foto: WirtschaftsWoche

Die größten Insolvenzen 2024E-Jets am Boden, modische Wogen, mit Benko verhoben

Urlaubsende bei FTI, Luxuspleite im KaDeWe, dazu ein Fadenriss bei Esprit und Notlandungen von Lilium und Volocopter. Die wichtigsten Insolvenzen 2024.Henryk Hielscher 02.01.2025 - 17:07 Uhr

So viele Unternehmen wie seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr haben 2024 Insolvenz angemeldet. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform rechnet bis zum Ende des laufenden Jahres mit 22.400 Unternehmensinsolvenzen. Das wäre der höchste Stand seit 2015 mit etwas mehr als 23.100 Fällen. Im Jahr 2023 gab es nach amtlichen Zahlen des Statistischen Bundesamtes 17.814 Firmenpleiten hierzulande.

„Mit einiger Verzögerung schlagen die Krisen der vergangenen Jahre nun als Insolvenzen bei den Unternehmen durch“, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Creditreform-Wirtschaftsforschung. Tatsächlich profitierten viele Betriebe lange von niedrigen Zinsen, oder wurden mit staatlicher Unterstützung während der Coronapandemie über Wasser gehalten. Doch die Liste der Probleme ist lang: Hohe Energiekosten, drohende Handelskonflikte, überbordende Bürokratie, politische Unsicherheit und die Konsumzurückhaltung von Verbrauchern belasten die deutsche Wirtschaft. Und so kam es 2024 in nahezu allen Branchen zu prominenten Pleitefällen. Ein Überblick. 

Handelsinsolvenzen 2024

Den Anfang machte gleich zu Beginn des Jahres die Insolvenz des Warenhauskonzerns Galeria Karstadt Kaufhof. Schon ab April 2020 sowie ab Oktober 2022 hatte Galeria zwei Insolvenzverfahren durchlaufen, damals als Schutzschirmverfahren in Eigenverwaltung. Der entscheidende Auslöser war diesmal die Krise des österreichischen Galeria-Eigentümers Signa.

Die Holding des von René Benko gegründeten Handels- und Immobilienkonglomerats hatte am 29. November in Wien Insolvenz angemeldet. Durch diesen Schritt waren Finanzierungszusagen für Galeria hinfällig geworden, wodurch die Gesellschaft in die Überschuldung rutschte. Ähnliche Abhängigkeiten gab es bei der Luxuswarenhaus-Gruppe KaDeWe, die wenig später ebenfalls Insolvenzantrag stellte. Immerhin, für beide Warenhauskonzerne konnten Investoren gefunden werden.

Anders sah es beim Modehändler Esprit aus, der seinen Betrieb in Deutschland in diesem Jahr eingestellt hat. Und auch der Versuch, den insolventen Buchhändler Weltbild zu verkaufen, scheiterte. Bei der Deko-Handelskette Depot, die im Juli Insolvenz anmeldete, geht es zwar weiter, allerdings soll jede elfte Filiale in Deutschland geschlossen werden. Offen sind derweil noch die Perspektiven des Haushaltsdiscounters Kodi, der im November ein Schutzschirmverfahren gestartet hat. Und kurz vor Weihnachten erwischte es sogar das weltweit größte Zoohandels-Fachgeschäft in Duisburg

Zoo Zajac

Das weltgrößte Zoofachgeschäft ist insolvent

Zoo Zajac gilt mit mehr als 200.000 Tieren als größte Zoohandlung der Welt. Nun hat der „Supermarkt der Tiere“ in Duisburg Insolvenz angemeldet.

von Henryk Hielscher

Weitere Insolvenzen von konsumnahen Unternehmen dürften folgen. Denn momentan „treffen strukturelle Herausforderungen auf die wohl schlechteste wirtschaftliche Lage seit der Wirtschafts- und Finanzkrise“, sagte vor kurzem Dorothée Fritsch, Handelsexpertin bei der Unternehmensberatung FTI-Andersch, der WirtschaftsWoche. Und das gepaart mit einer anhaltend schlechten Konsumstimmung. Die Konsequenz: „An einer Marktbereinigung wird kein Weg vorbeiführen“, so Fritsch.

Apropos FTI: Um künftig Verwechslungen auszuschließen, übernahm FTI Consulting jüngst 46 Wort- und Bildmarken des insolventen Reiseveranstalters FTI. Dessen Zusammenbruch gilt im Tourismusbereich als eine der größten Insolvenzen der vergangenen Jahre.

Reise- und Tourismusinsolvenzen 2024

FTI, bisher drittgrößter deutscher Veranstalter nach Tui und DER Touristik, musste Anfang Juni wegen Überschuldung Insolvenz anmelden. Der Insolvenzverwalter rechnet mit rund 350.000 Forderungsanmeldungen; der Großteil von betroffenen Kunden des auf Pauschalreisen spezialisierten Anbieters. Das Unternehmen erwirtschaftete mit mehr als 11.000 Mitarbeitern im Geschäftsjahr 2022/23 noch einen Umsatz von 4,1 Milliarden Euro. Insgesamt umfasste die FTI Group zum Zeitpunkt des Insolvenzantrags rund 110 Gesellschaften im In- und Ausland, die in der Folge teilweise ebenfalls Insolvenz anmelden mussten. Eine Rettung des Konzerns war nicht möglich. 

Besser sieht die Lage bei der Lindner Hotel AG aus. Kurz vor Weihnachten hat das traditionsreiche Düsseldorfer Familienunternehmen Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Die Hotelkette betreibt 13 Standorte in Deutschland. 

Bau- und Immobilieninsolvenzen 2024

2023 sorgte die Pleite des österreichischen Unternehmers René Benko und seiner Immobiliengruppe Signa für Schlagzeilen. Im Jahr darauf erwischte es den „kleinen Benko“: Der Bau- und Immobilienunternehmer Christoph Gröner legte eine Art Salami-Insolvenz hin. Im September ließ er die WirtschaftsWoche wissen: „Ich bin ein Unternehmer alten Schlags, und eine Insolvenz ist für mich kein Weg.“ Die größte Chance sei es vielmehr, „durchzuhalten“. Allzu lange glückte ihm das nicht: Im November meldete die Gröner Group GmbH Insolvenz an. Für den erfolgsverwöhnten Unternehmer ein harter Schlag. Er jobbte einst als Schüler auf dem Bau, wurde einer der großen deutschen Projektentwickler und fiel auf mit markigen Sprüchen („Wenn Sie 215 Millionen haben, schmeißen Sie das Geld zum Fenster raus, und es kommt zur Tür wieder rein“). Umso erstaunlicher, dass Gröner seither den Medien und ihrer angeblich negativen Berichterstattung die Schuld für die Pleite zuweist.

Baustopps

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Die Krise der Immobilienwirtschaft verschärfte sich 2024. Ein Ergebnis: Gruben und Kräne, wo eigentlich Häuser und Türme stehen sollten. Auch an sehr prominenter Stelle.

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Tatsächlich hatte es schon Monate vorher Zweifel an Gröners Finanzkraft gegeben, Gläubiger hatten mehrfach Insolvenzanträge gestellt, die nach Begleichung der Forderungen aber als erledigt galten.

Während die Gröner-Insolvenz absehbar war, fand sich die börsennotierte Helma Eigenheimbau AG im März recht überraschend und unvermittelt in der Insolvenz. Anders als in solchen Fällen üblich, hatte bei Helma der Aufsichtsrat die Insolvenz-Initiative übernommen – und zuvor rasch noch die Bestellung der Vorstandschefin „aus wichtigem Grund und mit sofortiger Wirkung widerrufen“.

Das Manöver sorgte intern für Fassungslosigkeit. Führungskräfte waren überzeugt, dass die Sanierung gelingen würde, die Investorensuche schien auf gutem Weg. Tatsächlich gelang dann auch in der Insolvenz der Verkauf des Helma-Kerns. 

Fragen wirft auch die Insolvenz des oberpfälzischen Holzverarbeiters Ziegler-Group auf. Der Konzern war in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Doch dann schlug die flaue Konjunktur auf die Holzindustrie durch. Vor allem die Krise im Wohnungsbau setzte die Branche unter Druck. Ob daneben womöglich auch interne Kontrolldefizite oder Fehlentscheidungen des Inhabers eine Rolle spielten, wird sich zeigen.

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Automotive-Insolvenzen 2024

Auch für zahlreiche Autozulieferer war das Jahr 2024 herausfordernd – und 2025 dürfte nicht einfacher werden. Angesichts weiter verschärfter CO2-Vorgaben der EU dürften die Autohersteller den Verkauf von E-Autos mit Rabatten ankurbeln und die Gewinnmarge der Zulieferer weiter unter Druck setzen. Dazu kämen steigende Finanzierungskosten. „2025 wird für Zulieferer ähnlich existenzkritisch wie die Pandemie-Krise“, warnen die Branchenexperten der Unternehmensberatung Berylls. Die Insolvenzgefahr steige deutlich, vor allem für kleine und mittlere Zulieferunternehmen. 

Schon 2024 rutschten unter anderem Eissmann, die WKW-Gruppe und die AE Group in die Insolvenz. Große Player kappten zudem reihenweise ihre Prognosen und kündigten den Abbau von Arbeitsplätzen an. Der Autozulieferer ZF Friedrichshafen will bis 2028 jeden vierten der 54.000 Arbeitsplätze in Deutschland abbauen, auch bei Bosch und Continental fallen wohl Tausende Jobs weg und bei Webasto wurde ein externer Chief Restructuring Officer verpflichtet

Die Auto-Krise schlägt inzwischen auch auf andere Wirtschaftszweige durch. So kündigte der schwäbische Maschinenbauer Manz Ende Dezember einen Insolvenzantrag an. Das Unternehmen hatte auf Geschäfte mit Anlagen für Batteriezellfabriken für die E-Mobilität gehofft.

Start-up-Insolvenzen 2024

Gute Nachrichten gab es kurz vor Weihnachten derweil für den Elektro-Flugzeugbauer Lilium. Das Start-up hatte Ende Oktober Insolvenz angemeldet und im Dezember angekündigt, den Geschäftsbetrieb einzustellen, und allen 1000 Mitarbeitern gekündigt. Doch im Hintergrund liefen die Verhandlungen weiter. In der Nacht zum 24. Dezember gab es dann einen Durchbruch: Statt der geplanten Abwicklung soll Lilium von einem Investor übernommen werden, der Großteil der Jobs bleibt erhalten.

775 Jobs bleiben erhalten

Käufer für Lilium gefunden

Für den insolventen Elektro-Flugzeugbauer Lilium gibt es doch noch eine Zukunft. In der Nacht gelang ein Durchbruch bei den Verhandlungen.

von Henryk Hielscher

Doch kaum war der Investoreneinstieg verkündet, gab es in der Branche schon die nächsten Turbulenzen: Der Flugtaxi-Hersteller Volocopter meldete Insolvenz an. Bis Ende Februar 2025 soll nun ein Sanierungskonzept entwickelt und ein Investor gefunden werden. 

Lilium und Volocopter legten 2024 die wohl spektakulärsten Start-up Insolvenzen hin. Aber längst nicht die einzigen. So trudelte Anfang des Jahres bereits das einst gefeierte Umzugs-Start-up Movinga in die Insolvenz und das börsennotierte Fintech Creditshelf beantragte im Februar 2024 ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren. Dem Sanierungsteam gelang es, einen Käufer für die digitale Creditshelf-Plattform zu finden, auf der Firmen und Kreditgeber ohne zwischengeschaltete Banken zueinanderfinden sollen. Erfolgreich verlief auch die Rettung der Münchner Gebrauchtwagenplattform Instamotion, die Ende Mai 2024 Insolvenz anmeldete. Schon fünf Wochen später gelang es, einen geeigneten Käufer für den Online-Fahrzeughändler zu finden. Und auch beim Forsa-Konkurrenten Civey ging es nach einer Kurzzeitinsolvenz nahtlos weiter.

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Von wem Lilium 200 Millionen Euro bekommen hat

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von Lisa Ksienrzyk

Die Beispiele zeigen: Eine Insolvenz muss nicht das Ende bedeuten. Vielleicht ist das ein Lichtblick für 2025. Für das Jahr erwarten Experten nochmals steigende Insolvenzzahlen. „Die Woge wird zur Welle, das wird sich 2025 verstetigen“, sagte vor kurzem der Geschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, Bernd Bütow. Damit könnten bald wieder Insolvenzzahlen nahe an den Höchstwerten der Jahre 2009 und 2010 in Sichtweite kommen, als über 32.000 Unternehmen in die Insolvenz gingen.

Auch der Kreditversicherer Allianz Trade rechnet 2025 mit einem weiteren Anstieg der Firmenpleiten in Deutschland. „Die anhaltende wirtschaftliche Schwäche in Europa, insbesondere in Deutschland, macht den hiesigen Unternehmen zu schaffen“, sagte der Vorstandschef von Allianz Trade in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Milo Bogaerts, Mitte Oktober. „Schwach finanzierte Unternehmen stehen auf Messers Schneide, und es dürfte eine deutliche Marktbereinigung stattfinden.“

Und Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), der monatlich eine Analyse zur Entwicklung der Insolvenzen veröffentlicht, hatte bereits im Oktober konstatiert: „Die derzeitige Insolvenzwelle ist das Ergebnis eines perfekten Sturms aus langanhaltender konjunktureller Schwäche und drastisch gestiegenen Kosten.“ 

Einer aktuellen Umfrage des Ifo-Instituts zufolge erwartet auch die große Mehrheit der Unternehmen in Deutschland im kommenden Jahr keine Verbesserung ihrer geschäftlichen Lage. Gut 56 Prozent gehen von einer unveränderten Situation aus, mehr als 31 Prozent erwarten eine Verschlechterung. Die Optimisten, die bessere Geschäfte erwarten, sind demnach mit 12,6 Prozent in der Minderheit.

Keine Branche blickt laut Ifo wirklich optimistisch auf 2025. Besonders pessimistisch ist demnach die von Auftragsmangel geplagte Baubranche, auch im Einzelhandel und in der Industrie ist der Ausblick mau. Das Fazit von Ifo-Umfrageleiter Klaus Wohlrabe: „Vor dem Hintergrund, dass die Wirtschaft 2024 schon schlecht gelaufen ist, sind diese Zahlen bedenklich.“

Hinweis: Dieser Beitrag erschien erstmals Ende Dezember 2024 bei der WirtschaftsWoche. Wir haben ihn aktualisiert. 

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