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KriegswirtschaftDas steckt hinter dem angeblichen Wachstum der russischen Wirtschaft

1,5 bis 2 Prozent soll die russische Wirtschaft in diesem Jahr wachsen – besonders wegen einer Branche. Dennoch fängt auch Moskau an, die Folgen des Kriegs zu spüren. Wie lang kann Russland noch durchhalten?Anna Lauterjung 23.08.2023 - 16:38 Uhr

Die russische Wirtschaft scheint zu wachsen. Doch ist das alles nur Fassade?

Foto: imago images

„Die Strategie, die Staat und Wirtschaft gewählt haben, hat funktioniert“, sagte der Kremlchef Wladimir Putin noch im Juni bei seinem Auftritt auf dem Petersburger Wirtschaftsforum. Es schien, als hätte der Angriffskrieg auf die Ukraine und die folgenden Sanktionen gegen Russland keine Wirkung auf das Land, ganz im Gegenteil: Während in Deutschland die Wirtschaft laut Prognosen um 0,3 Prozent schrumpfen soll, wächst die russische um 1,5 bis 2 Prozent in diesem Jahr. Auch die Inflation liegt mit 4,3 Prozent im Juli unter der in der Eurozone (5,3 Prozent).

Doch langsam scheinen die Folgen der Kriegswirtschaft das Land einzuholen. Ein schwacher Rubel, sinkende Kaufkraft, weniger Export von Öl und Gas und immer höhere Ausgaben für Importe: Probleme, über die russische Medien nun trotz der vielfach vom Staat unter Verschluss gehaltenen ökonomischen Daten offen berichten. Und eine Umfrage der russischen Zentralbank von August zeigt, dass die meisten russischen Unternehmen ihre Produktion zurückfahren – den zweiten Monat infolge. Was hat es also auf sich mit dem angeblichen Wachstum und wie steht es wirklich um die russische Wirtschaft?

Umstellung der russischen Wirtschaft auf den Krieg

Mit dem Krieg und den Sanktionen begann auch ein Transformationsprozess in der russischen Wirtschaft. Das neue Ziel: den Angriff auf die Ukraine zu unterstützen. „Vor den westlichen Sanktionen war die Wirtschaft auf externe Märkte und den Export ausgerichtet“, sagt der Wirtschaftsexperte und Direktor des Forschungszentrums für Wirtschaftspolitik an der Staatlichen Universität Moskau, Oleg Buklemishev, im Interview mit der WirtschaftsWoche, „Jetzt ist das Zentrum der wirtschaftlichen Aktivität direkt mit dem Staat und dem militärisch-industriellen Komplex verbunden.“

Zwei Monate nach Meuterei gegen Putin

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In der Kriegswirtschaft wurde die Produktion von Waffen und Munition massiv hochgefahren – besonders in den ärmeren Regionen Russlands. Ein Beispiel dafür ist die Region Kaluga: Wo vorher Fahrzeuge der VW-Tochter Skoda zusammen gebaut worden waren, werde nun Metall für Ausrüstungen und Sprengstoffe produziert, berichtet Buklemishev. „Das verspricht Wohlstand.“

Auch entlohne die Kriegswirtschaft russische Bürger oft besser als andere Unternehmen. Buklemishev: „Das Militär zahlt das Doppelte und Dreifache von dem, was die Menschen vorher bekommen haben. So viel Geld haben einige Familien vorher noch nie gesehen.“ Und das Gehalt werde wiederum für Dienstleistungen und Reisen im Inland sowie russische Produkte ausgegeben. „Das alles kurbelt die Wirtschaft vor Ort an.“

Allerdings betonen Ökonomen und Wirtschaftsexperten, dass das Wachstum Russlands kaum nachhaltig ist. Aktuell habe der russische Staat noch Rücklagen zur Verfügung, doch bereits nächstes Jahr könnte es anders aussehen, sagt Buklemishev. Zudem lasse sich mit der Produktion für den Krieg kaum Gewinn machen. „Die Ausrüstung wird vom Staat gekauft und sofort auf dem Schlachtfeld zerstört, das erinnert stark an das Modell der Sowjetunion.“

Russland hält Sanktionen besser stand als erwartet

Ein weiterer Grund für die überraschende Resilienz der russischen Wirtschaft ist, dass das Land dem Sanktionsdruck besser standhalte als von vielen westlichen Wirtschaftsexperten erwartet. Zahlreiche Regierungen haben Russland als Reaktion auf den Angriffskrieg mit harten Sanktionen belegt. Doch wo Produkte, hauptsächlich für die Produktion von Waffen, gefehlt haben, suchte sich Wladimir Putin neue Partner in China und Indien, oder wurde kreativ in der Umgehung der Sanktionen und nutzt Schlupflöcher. So kommt unter anderem russischer Stahl weiterhin nach Deutschland.

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„Die Ausrüstung wird vom Staat gekauft und sofort auf dem Schlachtfeld zerstört“

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von Angelika Melcher

Und trotz Sanktionen und Kritik an Aktivitäten im Kriegsland wanderten nicht alle westlichen Unternehmen aus Russland ab. Die Organisation „Moral Rating Agency“ führt eine Liste mit dem Namen „Dirty Dozen“ – zwölf Konzerne, die sich angeblich aus Russland zurückgezogen haben, die aber in Wirklichkeit nach Informationen der „Moral Rating Agency“ aber ein Großteil ihrer Geschäfte weiterlaufen lassen. Darunter bekannte Namen wie Unilever, Procter & Gamble, PepsiCo und Nestlé. Auch die Yale Universität führt eine „Liste der Schande“. Selbst wenn ein Unternehmen die Aktivitäten in Russland eingestellt hat, bleiben die Niederlassungen zu einem großen Teil erhalten. Bekannte Ketten wie der Fastfood-Gigant McDonalds oder der Kaffee-Konzern Starbucks Coffee laufen etwa unter neuen Namen weiter.

Alles nur Fassade?

In anderen Wirtschaftszweigen jenseits der Kriegswirtschaft wird hingegen über fehlende Aufträge und vor allem einen Mangel an Investitionen geklagt. Besonders die Anhebung des Leitzinses Mitte des Monats um 3,5 Punkte auf 12 Prozent habe der Wirtschaft einen Schlag verpasst und am Ende die Währung nicht stabilisiert, schreibt die russische Tageszeitung „Nesawissimaja Gaseta“. Das nun hohe Zinsniveau führe vielmehr zu extrem teuren Krediten, was wiederum die Investitionsbereitschaft abwürge.

Neben fehlenden Aufträgen und Mangel an Investitionen beklagen sich die russischen Unternehmen auch über einen Mangel an Fachkräften – Hunderttausende Männer leisten Kriegsdienst. Außerdem gäbe es Probleme mit der Logistik bei Lieferungen. Aufgrund der Sanktionen führt das Land Waren aufwendig über die Türkei, Georgien, Kasachstan und andere Länder ein. Der umständliche Transport, die Einfuhrzölle und eben auch der ungünstige Wechselkurse zu Euro und Dollar verteuern viele Produkte und schwächen die ohnehin angeschlagene Kaufkraft weiter. 

Auch müsse Russland etwa für Devisen teuer Material und Ersatzteile einkaufen. Im Sommer, wo viele Russen in der Türkei oder teilweise auch noch in Spanien Urlaub machen, ist der Devisenkauf aktuell fast doppelt so teuer wie vor einem Jahr. Ein Euro kostete am 23. August 2022 rund 59,5 Rubel laut Kurs der Zentralbank, ein Jahr später mussten die Menschen am Mittwoch rund 103 Rubel hinlegen.



Dabei schwören kremlnahe Medien die Menschen inzwischen darauf ein, dass ein schwacher Rubel wohl von Dauer sein könnte. „So ist unser Devisenmarkt jetzt aufgestellt“, heißt es in der Titelgeschichte zum Rubel der Wochenzeitschrift „Expert“. Kritisiert wird da etwa, dass die Währung an der Börse zum Spekulationsobjekt geworden ist. „Aber in makroökonomischer Hinsicht gibt es keinen Grund zur Panik.“ Öl sei weiter relativ teuer, geopolitisch sei die Lage unverändert.

Euro und Dollar fehlen

Klar ist aber auch, dass Russland inzwischen deutlich weniger Devisen einnimmt. Zum einen ist der Öl- und Gasexport wegen eines westlichen Boykotts und Preisdeckels zurückgegangen; zum anderen wickelt die Rohstoffgroßmacht den Verkauf teils in Rubel ab, was die Währung voriges Jahr stärkte. Nun aber fehlen Dollar und Euro. Da das Land seine Auslandsschulden zu über 90 Prozent in Westgeld begleichen muss, macht sich der Mangel an harter Währung bemerkbar.

Laut Zentralbank in Moskau muss Russland im Finanzjahr, das im April begann, binnen zwölf Monaten rund 130 Milliarden US-Dollar an Schulden begleichen, das sind rund 119 Milliarden. Euro. Auch die Zahlung von Dividenden für russische Firmen im Ausland läuft demnach noch in Devisen. Diskutiert werden daher wieder strengere Kontrollen des Kapitalabflusses. Laut Expertenschätzungen wurden 2022 rund 243 Milliarden US-Dollar an Kapital aus Russland abgezogen, 13,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

In den russischen Medien ist derweil vor allem Thema, dass viele Menschen für ihr Geld immer weniger Lebensmittel bekommen. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen hat sich in den vergangenen zehn Jahren laut Statistikbehörde Rosstat zwar fast verdoppelt auf rund 48.000 Rubel (rund 470 Euro) im Monat. Unter Berücksichtigung der Inflation liege der Wert dieser Summe heute jedoch 6,5 Prozent unter der Kaufkraft von 2013, wie die „Nesawissimaja Gaseta“ errechnet hat.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Experten: Kein Anlass für Optimismus

Kremlchef Wladimir Putin hingegen verweist gern auf eine immer noch solide Wirtschaft. „Die aktuelle Haushaltssituation ist im Wesentlichen beständig und birgt keine Risiken für die makroökonomische Stabilität“, sagte er erst am Dienstag. Bis Jahresende erwartet er aber ein Defizit von zwei Prozent, weil die Ausgaben höher sind als die Einnahmen.

Experten sind anderer Meinung. Für einen „starken und geachteten Rubel“, der für Russlands Souveränität stehe, brauche es mehr Einsatz, zitiert das Blatt das Stolypin-Wirtschaftsinstitut. So könnten neue Auflagen für Unternehmen zum Pflichtverkauf von bis zu 90 Prozent ihrer Deviseneinnahmen aus dem Export die Währung stabilisieren.

Die russische Zentralbank verbot voriges Jahr zeitweise den Kauf von Valuta und wies Exporteure an, ihre Fremdwährungseinkommen in Rubel zu tauschen. Dies führte zu einem Überangebot an Dollar und Euro und zur Aufwertung des Rubel. Schon allein die jetzt diskutierte Rückkehr zu dem Instrument bremste den weiteren Kursverfall. Dauerhaft wirksam sei das nicht, so das Moskauer Stolypin-Institut. Es bestehe die Gefahr, dass die Lage außer Kontrolle gerate.

Mit Material von dpa und Reuters.

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