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Riedls Dax-Radar
Quelle: Getty Images

Aktienmärkte vor dem D-Day der Zinswende

Die Wirtschaft wird immer stärker, der Druck auf Anleihen wächst und die Notenbanken geraten in die Defensive. Wie lange können die Aktienmärkte in diesem brisanten Umfeld noch steigen? 

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Mit dem Fortschreiten der wirtschaftlichen Erholung in den großen Industrieländern werden auch die Prognosen für das weitere Wachstum immer optimistischer. Der IWF etwa rechnet für dieses Jahr mit einem weltweiten Konjunkturplus von sechs Prozent. Auch wenn dies nach der coronabedingten Schrumpfung von 3,3 Prozent des vergangenen Jahres zum Teil ein Aufholeffekt ist, erweist sich die Weltwirtschaft doch als erstaunlich robust. Für 2022 liegt die Wachstumsprognose bei 4,4 Prozent. Dass China und die USA dabei die treibenden Kräfte sind, gibt dem gesamten Prozess eine hohe Durchschlagskraft.

Die Prognosen des IWF sind auch eine Bestätigung des enormen Zinsanstiegs, der sich seit Sommer vergangenen Jahres an den Anleihemärkten abspielt. Binnen fünf Monaten sind die Renditen für zehnjährige US-Staatsbonds von 0,51 Prozent auf bis zu 1,75 Prozent gestiegen. Aktuell liegen sie mit 1,65 Prozent leicht unter dem jüngsten Hoch. Wie schon mehrfach in den vergangenen Jahren kommt es aktuell im Bereich zwischen 1,50 und 2,00 Prozent zu einer Pause im Anstieg. Dass es danach mit den Zinsen wieder nach unten gehen könnte, wird angesichts der jüngsten Stärkesignale der großen Volkswirtschaften und der vermehrt positiven Prognosen immer unwahrscheinlicher.

Zudem wird vor allem die starke Wirtschaft in China und in den USA die Nachfrage auf den Rohstoffmärkten weiter anheizen. So gesehen dürften die hier starken Kursgewinne der vergangenen Monate eher ein Vorgeschmack auf weitere – und womöglich sogar längere – Anstiegsphasen sein, als eine Reaktion auf die vorangegangenen Abstürze.

Für Anleger heißt das: Der starke Renditeanstieg an den Anleihemärkten könnte der erste Schritt zu einer großen Zinswende werden – immerhin nach einer Abwärtsentwicklung, die schon Anfang der Achtzigerjahre begann. Solange es bei dieser neuen Aufwärtsbewegung der Zinsen immer wieder zu Pausen kommt, wie aktuell zwischen 1,50 und 2,00 Prozent, ist das nicht automatisch schlecht für Aktien. Schließlich spiegeln sich darin die wirtschaftliche Erholung und ein Stück der Normalität wider, die durch die Dauerkrisen der vergangenen Jahre außer Kraft gesetzt wurde: dass der Zins als Preis für Geld eine zentrale Steuerungsfunktion der Marktprozesse hat.

Inflationsgefahren und Notenbanken im Krisenmodus

Für Anleger bestehen dabei im Wesentlichen zwei Risiken: die Gefahr einer inflationären Überhitzung und ungeschickte oder politisch motivierte Aktionen der Notenbanken. Derzeit herrscht auf der Inflationsseite, wenn es nach den vorgelegten Daten geht, noch Ruhe. Doch von der Tankstelle über den täglichen Einkauf bis hin zu Großanschaffungen wie Immobilien oder Autos sind immer mehr Preisüberhitzungen spürbar. Wahrscheinlich wird es damit bei der Inflation ebenfalls wie bei den Zinsen bald Schritt für Schritt nach oben gehen.

Die Notenbanken verharren nach wie vor im Krisenmodus. Die Fed verspricht wenigsten bis 2023 praktisch Nullzinsen, die EZB verstärkt gerade ihre Anleihekäufe, mit denen sie die Zinsen auch am langen Ende drückt. Von beiden Seiten ist keinerlei Gegensteuern in Sicht. Das mag für Anleger im ersten Moment eine Beruhigung sein. Es beantwortet aber nicht die Frage, was passiert, wenn Wachstum und Preissteigerungen wirklich in eine neue Dimension vordringen sollten. Je weiter die Schere zwischen der realen Erholung der Wirtschaft und der Nullpolitik der Notenbanken auseinandergeht, desto heftiger können die Folgen werden, wenn die Geldpolitik eines Tages dann doch umsteuern muss.



Immerhin, auf diesen D-Day, den Tag der Zinsentscheidung, stellen sich die Aktienmärkte durchaus schon ein. Das zeigt vor allem das schwache Abschneiden der Technologieaktien während der starken Zinsanstiegsperiode der vergangenen Monate, besonders von Februar bis März. Wenn dabei die zyklischen Industriewerte sowie die Banken und Versicherungen als Zinsgewinner im Gegenzug Boden gutmachen, bleibt der Gesamtmarkt trotz höherer Zinsen stabil. Gefährlich wird es erst, wenn die Gesamtstimmung kippt – etwa wenn Technikaktien sinken, weil die Zinsen steigen, wenn Industrieaktien verlieren, weil sie schlicht zu hoch bewertet sind, und Banken und Versicherungen hinterherstürzen, weil sie sich einem solchen Negativszenario nicht mehr entziehen können.

Robuste Aktienmärkte mit Tendenz zum Überschießen

Noch ist die Gesamtentwicklung im Dax robust. Bei 24 von 30 Dax-Aktien verlaufen die aktuellen Kurse deutlich oberhalb der 200-Tagelinie. Das ist eine Hausse-Quote von 80 Prozent; ein klares Kennzeichen für einen starken Markt. Wackelkandidaten wie Bayer, Deutsche Börse, Deutsche Wohnen und Fresenius notieren auf dem 200er-Durchschnitt; FMC und SAP verlaufen weit darunter.

In diesen Kursmustern spiegeln sich die besonderen Probleme dieser Unternehmen wider: Fresenius und FMC als Coronaverlierer, Deutsche Wohnen im schwierigen Umfeld steigender Zinsen und eines politisch geprägten Wohnungsmarkts in Berlin, Bayer immer noch beschäftigt mit den Folgen des Monsanto-Debakels. Dass der einstige Überflieger SAP derzeit technisch ein so schwaches Bild abgibt, bestätigt die Probleme, die seit dem letztjährigen Führungswechsel, den Gewinnenttäuschungen und der Entwicklung in der Pandemie entstanden sind. Die Aktie konnte im Zuge des Technologie-Comebacks der vergangenen Tage zwar wieder etwas Boden gutmachen, ist aber weit von alter Form entfernt. Viel mehr als ein Anstieg in Richtung 120 Euro dürfte auch in einem guten Marktumfeld vorerst kaum möglich sein.



Der Dax selbst notiert deutlich oberhalb seiner vorangegangenen Konsolidierungszone um 14.000 Punkte und über dem Aufwärtstrend, der seit dem Coronatief besteht und der aktuell um 14.500 verläuft. Die 200-Tagelinie hat sogar erst 13.330 Punkte erreicht. Der Abstand der aktuellen Notierungen zu diesem mittel- bis langfristigen Durchschnitt ist damit so groß wie seit mehreren Jahren nicht mehr. Das bedeutet: Der Trend ist nicht nur hochdynamisch, er tendiert mittlerweile immer mehr zum Überhitzen. Darauf deutet auch der zyklische Verlauf im Index: Die jüngste, kurzfristige Anstiegsphase, die Anfang März begann, besteht nun schon fast seit sechs Wochen. Sechs bis acht Wochen ist ein typisches Ausmaß für eine solche Marktphase im Dax.

In den anderen großen Marktbarometern sieht die Entwicklung ähnlich aus: Der Dow Jones ist wie der Dax in einem starken Aufwärtstrend, hat aber in den vergangenen zwei Wochen das Tempo etwas zurückgenommen, ohne dabei Schwäche zu zeigen. Dem Euro Stoxx 50 ist sogar jetzt erst der Sprung auf ein neues Hoch gelungen.

Besonders spannend ist die Entwicklung bei den Technologieaktien. Der Nasdaq-100-Index hat per Schlussstand das bisherige Hoch vom 12. Februar noch nicht wieder ganz erreicht. Die jüngste, besonders dynamische Anstiegsphase und der noch nicht allzu große Abstand zur 200-Tagelinie sind für die nächsten Wochen ein gutes Zeichen. Sie sprechen eher dafür, dass der Markt das bisherige Hoch um 13.800 Punkte erreicht und mittelfristig dann überwindet, als dass er hier abprallt und in einem Doppelhoch womöglich sogar den ganzen Trend nach unten drehen könnte.

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Fazit für den Dax: Die Konjunktur ist stark, die Renditen ziehen an, sind aber insgesamt noch auf erträglichem Niveau, die Notenbanken halten still. Der Trend im Dax ist stabil, hochdynamisch und mit einer beginnenden Tendenz zur Überhitzung. Dieser Mix könnte, vor allem wenn die US-Zinsen aktuell erst einmal nicht mehr weiter klettern, sogar zu einem Überschießen der Kurse führen. Dieser positive Mix bleibt bestehen, solange sich der Dax oberhalb des Niveaus 14.500 bis 14.700 Punkten behauptet. Dazu sollte er, zumindest kurzfristig, durchaus in der Lage sein.

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