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Tauchsieder Fangt endlich mit dem Aufhören an!

In den Sondierungsgesprächen läuft alles auf einen schlechten Kompromiss hinaus. Jamaika ist vor allem ästhetisch unmöglich: Hier wächst nie zusammen, was nicht zusammengehört.

Sondierungsgespräche in Berlin. Quelle: dpa Picture-Alliance

Ein Kompromiss ist maximal etwas Zweitbestes. Kein Wunder, dass wir ihn so wenig mögen. Für unseren Glauben stehen wir ein. Unsere Überzeugungen vertreten wir felsenfest. Unser Recht auf eigene Meinung ist uns heilig. Zu einem Kompromiss aber erklären wir uns bereit - wenn überhaupt. Er ist nichts, wofür wir leben, sondern auf den wir uns einlassen. Mit Blick auf Freunde, Partner und Familie liebend gern. Mit Blick auf alles andere eher unfreiwillig, widerwillig - weil's nicht anders geht.

Warum fasziniert uns eine „kompromisslose Natur“? Weil sie mit sich im Reinen, mit sich selbst identisch ist - weil sie „ihr Ding“ durchzieht, Stärke ausstrahlt, Macht und Willenskraft - Souveränität. Für den politischen Kompromiss bedeutet das, dass er das Potenzial zur Kompromittierung hat. Gewiss, er kann ein Ausdruck guten Willens sein, den Frieden erhalten, sogar freundschaftliche Beziehungen begründen. Aber er kann von Kritikern des Kompromisses auch als Zeichen der Schwäche ausgelegt werden, als Machteinbuße und Souveränitätsverlust - als Verrat an hochfliegenden Prinzipien und heiligen Grundüberzeugungen.

Avischai Margalit hat sich vor ein paar Jahren über die Ambivalenz des Kompromisses ausführlich Gedanken gemacht und ist dabei zu folgendem Schluss gekommen: "Ideale können uns etwas Wichtiges darüber sagen, was wir gern wären. Kompromisse aber verraten uns, wer wir sind.“ Für den israelischen Philosophen sind Kompromisse eine Elementartatsache des sozialen Miteinanders: Wir müssen uns im Austausch mit anderen ständig mit weniger zufriedengeben. Und weil das so ist, meint Margalit, sollte man die moralische Integrität eines Menschen mehr an seinen Zugeständnissen messen als an seinen Werthorizonten. Ihn eher mit Blick auf seine Kompromisse beurteilen als mit Blick auf seine Normen.

Und - was bedeutet das mit Blick auf die Sondierungsgespräche in Berlin? Dass hier alles auf einen schlechten Kompromiss hinausläuft. Seit drei Vorlauf- und fünf Verhandlungswochen ringen die Parteispitzen von CDU, CSU, FDP und Grünen nun schon im Namen von „Verantwortung“ und „Wählerauftrag“, aus Angst vor mangelnder Staatsräson und Neuwahlen um einen Ausgleich - aber sie werden ihn auch dann nicht gefunden haben, wenn Angela Merkel, Horst Seehofer, Christian Lindner, Cem Özdemir und Katrin Göring-Eckardt in den nächsten Tagen eine „Einigung“ verkünden. Im Gegenteil. Eine Jamaika-Koalition bis 2021 ist vor allem ästhetisch unmöglich: Hier wächst nie zusammen, was nicht zusammengehört. 

Die großen Jamaika-Knackpunkte

Denn ein guter Kompromiss zeichnet sich nicht dadurch aus, dass sich beide Seiten auf halbem Wege entgegenkommen und „Frieden“ miteinander schließen. Er zeichnet sich auch nicht dadurch aus, dass die Partner ein paar Leuchtturmprojekte abtauschen wie Damen und Türme in einem Schachspiel: Du gibst mir den vollen Klimawandel und bekommst dafür die absolute Höchstgrenze. Nein - ein guter Kompromiss ist erst dann ein Kompromiss, wenn er aus politischen Gegnern Rivalen macht, Hostilität neutralisiert und den Verhandlungspartner als Träger berechtigter Interessen anerkennt. 

Anders gesagt: Selbst wenn die vier Parteien ihre jeweiligen Maximalpositionen räumen und Zugeständnisse machen -  ein belastbarer Kompromiss wird daraus nur, wenn alle Seiten ihm auch seine wörtliche Bedeutung beimessen, das heißt: wenn der Kompromiss als co-promissum, als gegenseitiges Versprechen verstanden wird. Nur auf diese Weise kann Vertrauen wachsen und Konkurrenz sich in Kooperation verwandeln. Ein guter Kompromiss wird mit Vertrauen beseelt, indem man ihn buchstabengetreu umsetzt. Man muss ihn nicht mögen, sich aber trotzdem an ihn gebunden wissen.

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