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Wirtschaft im WeitwinkelDroht jetzt ein globaler Handelskrieg?

Donald Trump hält seine Wahlkampfversprechen, auch wenn sie noch so unsinnig sind. Jüngstes Beispiel: Die einseitige Einführung von sogenannten Schutzzöllen für die Stahl- und Aluminium-Industrie. Die hiervon besonders betroffenen Länder drohen bereits mit Gegen-Strafzöllen. Steuern wir alle nun auf einen globalen Handelskrieg zu? Oder gewinnt am Ende doch noch die Vernunft die Oberhand?Stefan Bielmeier 07.03.2018 - 06:00 Uhr

Steuern wir alle nun auf einen globalen Handelskrieg zu?

Foto: imago images

Der US Präsident Donald Trump hat angekündigt Zölle in Höhe von 25 Prozent auf Stahl- und Aluminiumimporte zu erheben. Mit diesen Zöllen sollen Produkte von ausländischen Unternehmen teurer werden und damit weniger wettbewerbsfähig. US-amerikanische Unternehmen sollen entsprechend relativ an Wettbewerbsfähigkeit zulegen und in den USA Marktanteile gewinnen. In Folge soll das hohe Leistungsbilanzdefizit der US-Wirtschaft geringer werden, auf Kosten der Länder mit einem hohen Leistungsbilanzüberschuss wie Deutschland oder China.

Soweit die Theorie. Die Realität ist wie immer etwas schwieriger. Die Weltwirtschaft hat sich in den vergangenen Jahren in arbeitsteilige Prozesse gegliedert. So können die Unternehmen die länderspezifischen Unterschiede in den Lohnkosten nutzen. Die Folge dieses Umbaus der Weltwirtschaft war auch eine über Jahre hinweg niedrige Inflation. Ein weiterer Effekt ist, dass sich viele Unternehmen technologisch spezialisiert haben und mit hochentwickelten Produkten Weltmarktführer wurden. Eine Produktion von Gütern, die nur auf heimische Vorprodukte setzt, ist heute sehr selten geworden.

Globaler Handel ist die Basis

Damit wird auch klar, dass der weltweite Handel die Basis der vernetzen Volkswirtschaften ist. Handelsbeschränkungen, wie Zölle, schwächen dieses Konstrukt nachhaltig und dies zu einem sehr ungünstigen Zeitpunkt. Nach fünf mageren Jahren in Folge hatte gerade erst im vergangenen Jahr die erhöhte Dynamik beim Welthandel dafür gesorgt, dass sich das Wachstum der Weltwirtschaft endlich sichtbar von der Drei-Prozent-Marke lösen konnte. Dank des aktuell immer noch vorhandenen Schwungs könnte in diesem Jahr das Wachstum der Weltwirtschaft rund vier Prozent erreichen. Als wichtiger Wachstumsmotor ist im langjährigen Durchschnitt der Welthandel immerhin für ein Drittel des Weltwachstums verantwortlich, im vergangenen Jahr war der Wachstumsbeitrag sogar noch etwas größer.

US-Zölle auf Stahl-Import

Jetzt droht eine „Spirale der Eskalation“

von Silke Wettach

Die US-Strafzölle werden mittelfristig auch in Deutschland zu größeren Verwerfungen führen. So werden vermutlich größere Teile der vergleichsweise billigen Weltstahlproduktion nun auf die europäischen und damit auch auf die deutschen Märkte drängen. Der Wettbewerbsdruck für die heimischen Produzenten wird also steigen. Zudem wird die einseitige Erhebung von Straffzöllen nicht ohne Folgen in anderen Ländern bleiben. So wurde wenig überraschend in den vergangenen Tagen von Kanada, China und von der EU-Kommission Vergeltungsmaßnahmen bei weiteren Strafzöllen der US-Regierung angekündigt. Dies wird sehr wahrscheinlich die exportstarke US-Landwirtschaft betreffen. Darüber hinaus ist es fraglich, ob die derzeit noch laufende Neuverhandlung des NAFTA-Abkommens mit Kanada und Mexiko bei weiteren protektionistischen Maßnahmen durch die USA überhaupt noch weitergeführt wird.

Es ist offensichtlich: Wenn sich diese Spirale weiterdreht, wird das globale Wachstum an Stärke verlieren. Es wieder deutlich unter vier Prozent fallen. Gleichzeitig könnte die Inflation zeitweise etwas ansteigen. Die Zentralbanken werden auf die höhere Inflation jedoch nicht reagieren. Das schwächere Wachstum und der getrübte wirtschaftliche Ausblick werden sogar eher dazu führen, dass das geldpolitische Umfeld wieder lockerer wird. Die Notenbanken werden versuchen eine globale Rezession zu verhindern. Ob dies gelingt hängt von der Vernunft der Staaten hab. Wenn der Protektionismus zu stark wird, ist eine nachhaltiger Abschwung nicht zu vermeiden.

Genau dieses Szenario wird zurzeit an den Finanzmärkten eingepreist. Der zukünftige Kurs der Aktien- und Anleihemärkte hängt dabei maßgeblich vom weiteren Verlauf des Zollstreites ab. Wenn weitere Zölle und zunehmender Protektionismus sich ihren Weg bahnen, werden die globalen Aktienmärkte in eine spürbare Korrektur einschwenken und die Renditen wieder deutlich fallen. Wenn in den nächsten Wochen die Vernunft siegt und man wieder zu einer nachhaltigen Wirtschaftspolitik zurückkehrt, wird die jetzige Phase der hohen Unsicherheit schnell beendet werden und die Aktienmärkte mit einem hohen Aufwärtspotenzial in das Frühjahr gehen.

Es ist noch zu früh, das Szenario komplett zu ändern. Vielmehr sollte man davon ausgehen, dass sich die jetzigen hohen Wellen wieder glätten. Jedoch ist die Gefahr für die globale Konjunktur durch den Protektionismus deutlich gestiegen.

Angela Merkel (CDU), Bundeskanzlerin

Die Bundeskanzlerin hat die angekündigten Strafzölle kritisiert. „Die Bundesregierung lehnt solche Zölle ab“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Freitag in Berlin. Das Problem der weltweiten Überkapazitäten in diesen Bereichen lasse sich so nicht lösen. Man stehe hinter der EU-Kommission, die bereits Vergeltungsmaßnahmen angekündigt hat. Ein „Handelskrieg“ könne „in überhaupt niemandes Interesse sein“, betonte Seibert, auch nicht in dem der USA.

Foto: dpa

Sebastian Kurz (ÖVP), österreichische Bundeskanzler

Der österreichische Kanzler dringt auf „harte Gegenmaßnahmen“ der Europäischen Union (EU). „Ich erwarte eine selbstbewusste Antwort der EU auf die von Trump angekündigten Maßnahmen“, erklärte Kurz nach Angaben der Nachrichtenagentur APA. Die Strafzoll-Ankündigung sei „ein absolut falsches Signal“. Kurz verwies darauf, dass sich Strafzölle negativ auf das Wirtschaftswachstum beider Partner auswirken würden und einen Handelskrieg auslösen könnten. Europa habe eine starke Wirtschaft und müsse „eine starke sowie selbstbewusste Rolle einnehmen“.

Foto: REUTERS

Sigmar Gabriel (SPD), Bundesaußenminister

Der Außenminister fordert eine entschlossene Antwort der EU: „Daran sollte in Washington kein Zweifel bestehen“, sagte Gabriel. Deutsche und europäische Unternehmen betrieben kein Dumping. Er sehe die Entwicklung mit „größter Sorge“, so Gabriel. „Ein solcher weltweiter US-Rundumschlag würde gerade unsere Exporte und Arbeitsplätze mit am stärksten betreffen.“ Es seien Tausende Arbeitsplätze in Europa gefährdet. Die Begründung der USA mit nationalen Sicherheitsinteressen sei „insbesondere gegenüber EU- und Nato-Partnern überhaupt nicht nachvollziehbar“.

„Diese drohende schwere handelspolitische Auseinandersetzung zwischen den USA und Europa ist weder im Interesse Europas noch der USA“, erklärte Gabriel. Wenn zwei sich stritten, profitiere der Dritte. „Deshalb hoffe ich, dass Präsident Trump seine Ankündigung noch einmal überdenkt. Wir müssen alles dafür tun, einen internationalen Handelskonflikt zu vermeiden.“

Foto: dpa

Jean-Claude Juncker, EU-Kommissionspräsident

„Wir werden nicht tatenlos zusehen, wie unsere Industrie durch unfaire Maßnahmen getroffen wird, die Tausende europäische Arbeitsplätze gefährden.“ Der EU-Kommissionspräsident zweifelte die US-Begründung an, die Zölle dienten der nationalen Sicherheit. „Dies scheint eine unverhohlene Intervention zum Schutz der eigenen Industrie zu sein.“

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Hans Jürgen Kerkhoff, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl

„Die USA bauen eine Zollschranke auf, mit der sie sich gegen Stahlimporte aus aller Welt abschotten. Diese Maßnahme verstößt eindeutig gegen Regeln der Welthandelsorganisation WTO“, sagte der Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Er befürchtet, dass Exporteure den offenen EU-Markt überschwemmen könnten, um die Zölle in den USA zu vermeiden.

Foto: dpa

Brigitte Zypries (SPD), Bundeswirtschaftsministerin

„Es ist nicht nachvollziehbar, dass europäische oder gar deutsche Stahlimporte die nationale Sicherheit der USA gefährden könnten“, erklärte die SPD-Politikerin. „Jemand, der so viel von fairem Handel spricht, wie Präsident Trump, sollte nicht zu solch unfairen Mitteln greifen.“ Zypries sagte, die flächendeckende Verhängung der Zölle würde „Verwerfungen im Welthandel“ auslösen. „Sollte Trump seinen Worten Taten folgen lassen, wird Europa entsprechend antworten.“

Foto: dpa

Martin Wansleben, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK)

Laut dem Geschäftsführer der DIHK besteht die Gefahr, dass andere Länder folgen und das gesamte Welthandelssystem „zum Nachteil aller weiter aushöhlen“. Für Wansleben ist klar. „Die Zölle erschweren den Marktzugang in die USA und führen letztlich auch zu höheren Preisen beim US-Verbraucher“, sagte er. „Gerade die hoch-internationalisierte deutsche Wirtschaft ist auf offene Märkte und ein funktionierendes Welthandelssystem angewiesen.“

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Toyota

Der Automobilhersteller warnt vor höheren Autopreisen in den USA. Die Entscheidung werde die Autobauer, die Autozulieferbranche und die Verbraucher benachteiligen. Durch die höheren Produktionskosten würden auch die Preise steigen. 90 Prozent des benötigten Stahls und Aluminiums für in den USA produzierte Fahrzeuge kämen allerdings auch aus dem Land, ergänzte der japanische Autobauer.

Foto: REUTERS

Chrystia Freeland, kanadische Außenministerin

Kanada wird „mit Maßnahmen reagieren, um seine Handelsinteressen und seine Arbeiter zu schützen“, sagte die Außenministerin. Strafzölle seien „absolut inakzeptabel“, hieß es aus Ottawa. Chrystia Freeland zufolge haben die USA beim Stahlhandel mit Kanada einen Handelsüberschuss von rund zwei Milliarden kanadischen Dollar (1,3 Milliarden Euro). „Kanada kauft mehr amerikanischen Stahl als jedes andere Land der Welt, was mehr als die Hälfte der US-Exporte ausmacht“.

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Wolfgang Eder, Chef von Voestalpine

„Die möglichen Konsequenzen auf die globalen Märkte und den Freihandel sind aufgrund der Komplexität der globalen Wirtschaftsstrukturen nicht ohne weiteres abschätzbar“, sagte der Chef des österreichischer Stahlkonzerns. „Voestalpine wird die Auswirkungen auf ihr Geschäft in den USA beziehungsweise auf ihre Beziehungen mit den USA prüfen und in der Folge eine entsprechende Vorgehensweise definieren.“

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Cecilia Malmström, EU-Handelskommissarin

"Die EU reagiert auf Trumps Ankündigungen und diskutiert Maßnahmen wie eine Einschaltung der Welthandelsorganisation WTO, Schutzmechanismen und mögliche Vergeltung."

Foto: dpa

Dieter Kempf, BDI-Präsident

"US-Präsident Donald Trump riskiert weltweite Handelskonflikte und eine Spirale des Protektionismus, die am Ende auch amerikanische Jobs kosten werden", sagte Kempf. Der Verband unterstütze die EU dabei, angemessene Antworten zu geben. "Es gibt Wege, auf Basis der bewährten Regeln der Welthandelsorganisation WTO zu reagieren." Es gelte aber auch "einen kühlen Kopf" zu bewahren, um eine weitere Eskalation nicht zusätzlich zu befeuern.

Foto: dpa

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