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Start-up-Standort„Deutschland muss Weltmarktführer für Start-ups werden“

Mangelnde Digitalisierung, rückläufige Finanzierung, fehlende Fachkräfte: Der Start-up-Standort Deutschland leidet. Kanzler Olaf Scholz will nun auch hier „mehr Fortschritt wagen“. Kann das gelingen?Sonja Álvarez 12.05.2023 - 19:32 Uhr

Start-up-Kanzler? Olaf Scholz (SPD) hat als Finanzminister den Zorn der Szene auf sich gezogen, jetzt will er die Standortbedingungen verbessern. 

Foto: AP

Der Start-up-Standort Deutschland steht erheblich unter Druck: die Zahl der Neugründungen ist 2022 deutlich eingebrochen (um 18 Prozent auf rund 2600 Start-ups). Immer mehr erfolgversprechende junge Techfirmen werden von ausländischen Investoren aufgekauft (203 Deals in 2022). Und die Summe des investierten Risikokapitals hat sich nahezu halbiert (um 41 Prozent auf 9,9 Milliarden Euro in 2022). Eine prosperierende Start-up-Nation? Sieht anders aus.

Steigende Energiekosten, Inflation und Fachkräftemangel belasten zwar die gesamte Wirtschaft. Doch während etablierte Firmen solche Krisen häufig besser abfedern können, müssen Start-ups oft um ihre Existenz fürchten, wenn Finanzierungsrunden plötzlich kleiner, gar komplett ausfallen. Auch der Fachkräftemangel entwickelt sich immer mehr zur Bremse für die Wachstumsfirmen.

„Deutschland droht Innovationsarmut“

Dabei ist auch dem Kanzler klar, dass „mehr Fortschritt wagen“, wie es sich die Ampel-Koalition vorgenommen hat, kaum ohne eine wachsende Start-up-Wirtschaft gelingen wird.

„Die Start-up-Szene macht uns vor, wie wichtig es ist, ,first mover‘ zu sein“, sagte Olaf Scholz (SPD) am Donnerstagabend bei der Verleihung der German Start-up-Awards, die jährlich vom Bundesverband Deutsche Start-ups verliehen werden. Auch Deutschland wolle „first mover“ sein auf dem Weg zur Klimaneutralität und brauche dafür Unternehmen, „die scheinbar Unmögliches in wenigen Monaten in Alltägliches verwandeln“.

Die Regierung wolle deshalb die Standort-Bedingungen für Start-ups verbessern – wie dringend das notwendig ist, macht Christian Miele, Investor und Chef des Start-up-Verbands, deutlich: „Deutschland droht Innovationsarmut“, sagte Miele der WirtschaftsWoche. 

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Im internationalen Wettlauf der Innovationen falle die Bundesrepublik weiter zurück, warnte er. Während Unternehmen in den USA und China immer mehr für Forschung und Entwicklung ausgeben würden, werde die Investitionslücke im Vergleich zu Deutschland größer. Die Forschungslandschaft sei zwar gut, „das Problem aber ist die Umsetzung in die Praxis“, mahnte Miele: „Uns fehlen Ressourcen und Initiativen für mehr Ausgründungen, die unsere Unternehmen am Puls der Ideen halten.“

Scholz ist in Sachen Start-ups kein „first mover“ gewesen

Während Frankreichs Staatspräsident Emmanuel Macron sein Land schon längst zur „Start-up-Nation“ ausgerufen hat und sich regelmäßig mit Gründerinnen und Gründern trifft, ist Scholz selbst bisher allerdings kein „first mover“ gewesen, wenn es um die Anliegen der Start-ups ging. Noch als Finanzminister hatte er den Zorn der Szene auf sich gezogen, weil er bei einem entscheidenden Thema wenig Verbesserungen ermöglichen wollte: der Mitarbeiterkapitalbeteiligung.

Für Start-ups ist die Erfolgsbeteiligung ein wichtiges Instrument zur Talentgewinnung, weil die jungen Firmen anfangs oft nicht so hohe Gehälter zahlen können wie etablierte Unternehmen. In Zeiten des Fachkräftemangels wiegt dieser Nachteil dann umso schwerer, auch im internationalen Wettbewerb, wo beispielsweise in den USA die Spielräume deutlich größer sind.

„Letzter Feinschliff“ am Zukunftsfinanzierungsgesetz

Mit dem Zukunftsfinanzierungsgesetz, das unter der Federführung von Finanzminister Christian Lindner (FDP) entsteht, sollen die Konditionen nun verbessert werden. Scholz erklärte, dass aktuell ein „letzter Feinschliff“ am Gesetzentwurf vorgenommen werde, noch im Sommer soll es ins Kabinett.

Mit dem Gesetz sollen die Steuerfreibeträge bei der Mitarbeiterkapitalbeteiligung von bisher 1440 Euro auf 5000 Euro wachsen, auch das „Dry Income“-Problem soll gelöst werden, bei dem die Beschäftigten bisher ihre Anteile versteuern müssen, bevor sie überhaupt verkauft worden sind. Auch Börsengänge sollen erleichtert werden, etwa, indem das dafür notwendige Mindestkapital von derzeit 1,25 Millionen Euro auf 1 Million Euro gesenkt wird.

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Wie groß der Nachholbedarf beim Thema Kapital ist, macht Miele deutlich: „Deutschland ist bei der pro Kopf-Betrachtung der Investments in Start-ups schwächer als vergleichbare europäische Standorte wie Frankreich, Holland oder Großbritannien aufgestellt – und der Abstand zu dem US-amerikanischen Ökosystem ist noch deutlicher.“

Frankreich baut seinen Spitzenplatz aus

Nicht nur bei den Start-ups, sondern als Wirtschaftsstandort insgesamt arbeitet Frankreich gerade daran, seinen Spitzenplatz weiter auszubauen. Das Land hat 2022 so viele ausländische Investitionen angezogen, wie kein anderes Land in Europa, zeigt eine aktuelle Studie von EY.

Demnach stieg die Zahl der Investitionsprojekte in Frankreich im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 1259, nachdem sie im Vorjahr bereits um 24 Prozent zugelegt hatte. Großbritannien belegt den zweiten Platz im Ranking (929 Projekte, ein Minus von sechs Prozent im Vorjahresvergleich). Deutschland belegt den dritten Platz mit 832 Projekten, einem Minus von einem Prozent.

Kommende Woche will Macron ein neues Industriegesetz verabschieden, von dem wohl auch die Start-up-Szene profitieren dürfte. Ziel ist unter anderem, die Entwicklung von Zukunftstechnologien zu beschleunigen – umso mehr Tempo fordert Miele auch von der Bundesregierung: „Deutschland muss Weltmarktführer für Start-ups werden – aber dafür brauchen wir bessere Rahmenbedingungen für junge Unternehmen.“

Mangelnde Digitalisierung schreckt Top-Talente ab

Scholz versicherte, dass Start-ups ihre „Power“ künftig in Produkte, „nicht in die Bürokratie“ stecken sollen – allerdings droht Deutschland beim Thema Digitalisierung eher „last mover“ zu werden. Gerade Fachkräfte aus dem Ausland schrecken die langsamen Prozesse ab, eine OECD-Studie zeigte kürzlich, dass Deutschland im Wettbewerb um Top-Talente weiter zurückfällt – worunter auch die Start-ups zunehmend leiden.

„Ohne den Zuzug von qualifizierten Fachkräften – egal in welchen Bereichen – werden wir die Entwicklungen durch den demografischen Wandel und darüber hinaus nicht auffangen können“, warnte Miele. „Nur wenn Handwerker Wohnungen bauen und Erzieher sich um den Nachwuchs kümmern können, sind wir als Einwanderungsland für internationale Top-Talente attraktiv.“

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