Geldpolitik: Ist der Zinsgipfel erreicht?
Einig vereint? Die Notenbank-Chefs Christine Lagarde und Jerome Powell.
Foto: REUTERSInvestoren rund um den Globus haben sich diese Woche rot in ihrem Kalender markiert. Denn in den USA und Europa geht es um eine wichtige Frage: Ist nach Monaten kontinuierlicher Zinserhöhungen dies und jenseits des Atlantiks der Zinsgipfel nun erreicht, oder ist mit weiteren Schritten der Notenbanken zu rechnen? An diesem Mittwoch entscheiden zunächst die US-Währungshüter um Fed-Chef Jerome Powell über die Leitzinsen, am Donnerstag folgen die Notenbanker der Europäischen Zentralbank (EZB) um EZB-Chefin Christine Lagarde.
Für die USA scheint der weitere Kurs der Geldpolitik auf den ersten Blick etwas klarer zu sein, allein schon weil die Straffung dort weiter vorangeschritten ist als in der Eurozone. Seit März vergangenen Jahres haben die Währungsbeamten in Washington den Leitzins in zehn Schritten um insgesamt 500 Basispunkte auf nunmehr 5,0 bis 5,25 Prozent angehoben. Das ist der schärfste Straffungskurs seit mehr als 40 Jahren.
Der monetäre Bremskurs hinterlässt mittlerweile Spuren in der Realwirtschaft. Der Einkaufsmanagerindex für die Industrie – der wohl wichtigste Frühindikator für die US-Wirtschaft – ist im Mai auf 46,9 Punkte gefallen. Damit liegt er deutlich unter der kritischen Marke von 50 Zählern, die den Expansions- vom Kontraktionsbereich trennt. Auch der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor schwächelt. Mit einem Wert von 50,3 signalisiert er faktisch Stagnation im Servicesektor.
Der unterliegende Preisdruck bleibt hoch
Die nachlassende wirtschaftliche Dynamik setzt die Preise unter Druck. Im Mai sackte die US-Inflationsrate auf 4,0 Prozent, nachdem sie im April noch bei 4,9 Prozent gelegen hatte. Im Vergleich zum Vormonat schwächte sich die Teuerungsrate von 0,4 auf 0,1 Prozent ab. Ausschlaggebend dafür waren die Preise für Energie, die um 3,6 Prozent gegenüber dem Vormonat nachgaben. Dagegen legten die Preise für Nahrungsmittel geringfügig um 0,2 Prozent zu.
Rechnet man Energie- und Nahrungsmittelpreise heraus, lag die Teuerungsrate im Mai allerdings noch bei 5,3 Prozent. Im Vergleich zum Vormonat erreichte sie zum dritten Mal in Folge 0,4 Prozent. Zu hoch, um das angestrebte Inflationsziel der Fed von 2,0 Prozent zu erreichen.
Der hartnäckig hohe unterliegende Inflationsdruck erschwert den Notenbankern ihren Job. Das Entscheidungsgremium der Notenbank ist daher ausweislich der Äußerungen einzelner Vertreter gespalten, was den weiteren Kurs der Fed betrifft. Die Vertreter einer eher laxen Geldpolitik dürften in der heutigen Sitzung darauf hinweisen, dass sich die Inflationsrate seit ihrem Höhepunkt von 9,1 Prozent im Juni vergangenen Jahres mehr als halbiert hat, die Fed mithin auf gutem Wege sei, ihr Inflationsziel von zwei Prozent zu erreichen.
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Dagegen dürften die Vertreter einer eher restriktiven Geldpolitik auf die hartnäckig hohe Kernrate der Inflation und den nach wie vor boomenden Arbeitsmarkt mit hohem Lohndruck verweisen. So schufen die US-Unternehmen im Mai 339.000 neue Stellen. Die Stundenlöhne legten um 4,3 Prozent zu. Geht man von einem trendmäßigen Anstieg der Stundenproduktivität von 1,0 bis 1,5 Prozent aus, dürften die Stundenlöhne nur um 3,0 bis 3,5 Prozent zulegen, um das Inflationsziel der Fed von 2,0 Prozent nicht zu gefährden.
Tauben gegen Falken
Dass die jüngsten Inflationsdaten sowohl den Tauben als auch den Falken in der Fed Argumente für ihre Position liefern, macht die Sitzung besonders spannend. Die Mehrheit der Beobachter geht davon aus, dass die Fed eine Zinspause einlegt, um abzuwarten, wie sich die bisherigen Zinsschritte auf Konjunktur und Inflation auswirken. Denn die Erfahrung zeigt: Bis Zinsänderungen voll auf die Realwirtschaft durchschlagen vergehen vier bis sechs Quartale. Das spricht dafür, dass das Gros der Dämpfungseffekte die US-Wirtschaft noch gar nicht erreicht hat, diese daher erst in den nächsten Quartalen in die Rezession rutschen dürfte.
Das wiederum könnte die Solvenz vieler Kreditnehmer gefährden und die Probleme im Bankensektor verschärfen. Dass diese noch längst nicht ausgestanden sind, zeigt ein aktueller Bericht der Fed, demzufolge die Banken vermehrt Mittel aus dem Kreditprogramm in Anspruch nehmen, das die Fed im Gefolge der jüngsten Bankenpleiten für die Finanzinstitute aufgelegt hatte. Demnach haben die Institute fünf Wochen hintereinander steigende Liquiditätsvolumina aus dem Kreditprogramm der Notenbank abgerufen. Zuletzt erreichte der Zugriff der Institute mit rund 100 Milliarden Dollar einen neuen Rekordwert.
Die schwelende Krise im Bankensektor und die Aussicht auf eine Rezession sprechen nach Ansicht von Beobachtern dafür, dass der Zinsgipfel in den USA erreicht ist. Anfang nächsten Jahres dürfte die Fed Analysten zufolge mit dem Abstieg vom Gipfel beginnen. Dann dürften auch die Renditen für Staatsanleihen nachgeben.
Die EZB steht unter Druck
Anders stellt sich die Lage in der Eurozone dar. Die EZB hat sich faktisch verpflichtet, die Leitzinsen mindestens ein weiteres Mal anzuheben. Ökonomen gehen daher fest davon aus, dass die Frankfurter Währungsbeamten an diesem Donnerstag erneut an der Zinsschraube drehen und die Leitzinsen um 25 Basispunkte nach oben hieven werden. Der Zins für die Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB läge dann bei 3,5 Prozent. Die EZB hätte ihre Leitzinsen seit dem Beginn der Straffung somit um insgesamt 400 Basispunkte angehoben, 100 Punkte weniger als die Fed. Ob das ausreicht, der Inflation den Garaus zu machen, ist fraglich.
Das Problem für die EZB ist: Sie hat sich selbst die Hände gebunden. Mit ihrer ultralockeren Geldpolitik hat sie die Regierungen der Eurozone in den vergangenen Jahren geradezu eingeladen, sich immer mehr Schulden auf die Schultern zu laden. Weil die EZB sich in der Pflicht sieht, die Eurozone zusammenzuhalten – koste es, was es wolle – hat sie beim Kampf gegen die Inflation immer auch ein Auge auf die Finanzierungskosten der hoch verschuldeten Regierungen insbesondere im Süden der Eurozone.
Das spricht dafür, dass in der Eurozone der Weg zum Zinsgipfel nicht mehr weit ist. Wie lange die Zinsen hoch bleiben und wie schnell EZB-Chefin Christine Lagarde anschließend den Abstieg vom Zinsgipfel einleitet, dürfte von den Konjunktur- und Inflationszahlen der nächsten Monate abhängen. Zeigen diese nach unten, könnte die EZB ebenso wie die Fed nächstes Jahr die geldpolitische Wende nach unten einleiten. Man darf gespannt sein, ob die Notenbanker dabei ihr selbstgestecktes Ziel, die Inflationsrate auf zwei Prozent zu drücken, im Auge behalten – oder dieses still und leise aufgeben, um Konjunktur und Staatshaushalte zu retten.
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