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QualitätChinesen graust es vor deutschen Standards

Unternehmen aus dem Reich der Mitte gieren nach der Qualitätskultur deutscher Mittelständler. Die Bedrängten können sich übernehmen lassen oder ihren Vorsprung ständig neu erobern.Marcel Berndt und Christina Kyriasoglou 06.09.2012 - 06:00 Uhr

Noch nie flog Angela Merkel mit so vielen Managern und Unternehmern nach China wie in der zurückliegenden Woche. Denn die Wettbewerber dort ändern sich. Angreifer wie Manager Liu Wei vom Hausgeräte- und Fernsehhersteller Haier tun alles, um mit hoher Qualität zu punkten, gern auch mithilfe deutscher Mittelständler.

Foto: Nick Ryan für WirtschaftsWoche

Chinas Vorzeigeprodukte warten in einem schäbigen Plattenbau am Rande Shanghais auf Kundschaft. Am Eingang des Gebäudes döst eine Melonenverkäuferin in der Sonne, hinter ihr führt eine schmale, schmuddelige Rolltreppe nach oben. Dort findet sich der Laden: Waschmaschinen, Kühlschränke, auch Fernseher sind im Angebot.

Es ist die größte Shanghaier Filiale des chinesischen Unternehmens Haier, des Weltmarktführers bei Haushaltsgeräten. Der Standort sei bewusst gewählt, sagt Filialmanager Liu Wei: nah an den Kunden. „Die chinesische Mittelschicht hat immer mehr Geld. Hier werden viele Wohnungen verkauft. Die rüsten die Bewohner nach und nach mit Haushaltsgeräten aus“, sagt der 38-Jährige. In dem Außenbezirk leben 140.000 Menschen. Riesige Baustellen deuten an, dass es bald doppelt so viele sein werden. „So wie China wächst, wächst auch Haier“, sagt Liu.

Haier ist nicht nur in der Heimat erfolgreich. Das Unternehmen hat inzwischen einen weltweiten Marktanteil von 7,8 Prozent. Vorbilder sind nicht irgendwelche Billigheimer, sondern Premiumhersteller wie die deutschen Familienunternehmen Miele oder Liebherr. Deren Qualitätsniveau wollen die Chinesen früher oder später erreichen. „Die Qualität ist der Schlüssel zum Erfolg“, sagt Filialleiter Liu. Bis zu zwölf Jahren Garantie gibt es in China auf Kühlschränke. Im Ausland passt sich das Unternehmen den jeweiligen Standards an. Die Geräte, die Haier nach Deutschland exportiert, tragen ein Siegel des TÜV.

Die Wirtschaftslokomotive China verliert an Fahrt. International wird diese Entwicklung mit Sorge beobachtet.

Deutsche Unternehmen im Zugzwang

Die versteckte Kampfansage von Haier an die beiden deutschen Familienunternehmen ist ein Warnsignal für viele Mittelständler zwischen Rhein und Oder. Denn wie der Kühlschrankbauer trachten auch andere Unternehmen aus China hiesigen Herstellern nach dem angestammten Geschäft. „Chinesische Firmen werden immer stärkere Konkurrenten“, sagt Christoph Angerbauer, General Manager der deutschen Auslandshandelskammer (AHK) in Shanghai. „Wenn die deutschen Unternehmen nicht sofort auf neue Entwicklungen der Konkurrenz reagieren, kann es sein, dass sie überrannt werden.“

Auch in Branchen, die anders als Haier mangels guter Produktideen ausländischen Anbietern hinterherhinken, startet China jetzt eine Aufholjagd. Dazu pumpen die chinesische Regierung und die Wirtschaft immer mehr Geld in Forschung und Entwicklung. Waren es im Jahr 2000 gerade einmal 0,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP), die in Innovationen flossen, stieg der Wert binnen zehn Jahren auf 1,75 Prozent an. Das offizielle Ziel der chinesischen Regierung ist es, Anfang des nächsten Jahrzehntes immerhin 2,5 Prozent des BIPs für Forschung auszugeben. Deutschland investiert 2,8 Prozent. Der Vorsprung schmilzt.

Worauf sich die deutschen Mittelständler einstellen müssen, können sie am Siegeszug chinesischer Konzerne ablesen. In der Netzwerktechnik belegt Huawei heute weltweit Platz zwei hinter dem US-Anbieter Cisco. In der IT ist das chinesische Unternehmen Lenovo der zweitgrößte Computerhersteller. Und auf den Schienen ist die China South Locomotive & Rolling Stock Corporation (CSR) an die Weltspitze gefahren: CSR-Züge jagen mit 350 Stundenkilometern durch das Land.

Manz

Der chinesische Mischkonzern Shanghai Electric Group will beim kriselnden Maschinenbauer und Apple-Zulieferer Manz einsteigen. Beide Unternehmen wollten in den Bereichen Energiespeichersysteme, Solar und Automationstechnologie zusammenarbeiten. Damit verbunden sei eine „maßgebliche Beteiligung“ von Shanghai Electric an Manz. Wie viel die Chinesen investieren werden, blieb zunächst offen. Unter anderem sei unklar, wie viele Altaktionäre bei der geplanten Kapitalerhöhung auf ihr Vorkaufsrecht verzichteten und die Aktien so eine Tochter von Shanghai Electric kaufen könne, sagte ein Unternehmenssprecher. Ein Übernahme der Schwaben durch die Chinesen sei nicht geplant. Manz stellt Maschinen für die Solar- und Batterieindustrie her, dazu Displays für Tablet-PCs, Smartphones und Notebooks. Manz beliefert auch den iPhone-Hersteller Apple, etwa mit Maschinen für die Bearbeitung von Handy-Displays oder für die Lasertechnologie. Vor allem die Zukunft der Solarsparte bei Manz war aber zuletzt angesichts der Branchen-Krise ungewiss.

Foto: PR

EEW Energy

Die chinesische Holding Beijing Enterprises gibt Anfang Februar 2016 bekannt, den Müllverbrennungsspezialisten EEW Energy from Waste aus Helmstedt für rund 1,44 Milliarden Euro zu übernehmen. EQT zufolge handelt es sich um die bisher größte chinesische Direktinvestition in ein deutsches Unternehmen.

Foto: dpa

Kraussmaffei

Der Spezialmaschinenbauer wurde im Januar 2016 von ChemChina, dem größte Chemiekonzern Chinas, für 925 Millionen Euro gekauft. ChemChina kam unlängst erneut in die Schlagzeilen - mit einem 43-Milliarden-Dollar-Angebot für den Schweizer Agrarchemie-Anbieter Syngenta.

Foto: dpa

Kion

2012 steigt der chinesische Nutzfahrzeugproduzent Weichai Power beim Gabelstaplerhersteller Kion ein. Die Chinesen kaufen zunächst für 467 Millionen Euro 25 Prozent an Kion und steigern 2015 ihren Anteil auf 38,25 Prozent. Außerdem erhält der Investor für 271 Millionen Euro eine Mehrheitsbeteiligung von 70 Prozent an der Hydrauliksparte Kions.

Foto: dpa

Koki Technik Transmission Systems

Das sächsische Unternehmen Koki Technik Transmission Systems produziert innere Schaltsysteme für Getriebe. Das chinesische Unternehmen Avic Electromechanical Systems übernimmt 2014 den sächsischen Autozulieferer. Ein Kaufpreis wird nicht genannt.

Foto: dpa

Hilite

Der deutsche Autozulieferer Hilite wird an den chinesischen Industriekonzern AVIC verkauft. Der britische Finanzinvestor 3i, der Hilite 2011 übernommen hatte, teilte am 29.05.2014 mit, er habe bei dem Geschäft das 2,3-fache seines ursprünglichen Einsatzes von 190 Millionen Euro verdient. Der Hersteller von Komponenten für Motoren und Getriebe mit Sitz im fränkischen Marktheidenfeld sei bei dem Geschäft mit 473 Millionen Euro bewertet worden. Hilite hat rund 1300 Mitarbeiter und beliefert unter anderem Volkswagen, Daimler, BMW und General Motors.

Foto: Screenshot

Tailored Blanks

Der Industriegüterkonzern ThyssenKrupp schließt 2013 den Verkauf seiner Tochter an den chinesischen Stahlkonzern Wuhan Iron and Steel ab. Zum Preis machen beide Seiten keine Angaben.

Foto: dpa

Kiekert

Der Weltmarktführer für Pkw-Schließsysteme, Kiekert, ging 2012 in chinesische Hände. Der Hersteller aus Heiligenhaus bei Düsseldorf wurde vom börsennotierten chinesischen Automobilzulieferer Lingyun übernommen.

Foto: dpa

Putzmeister

Der chinesische Baumaschinenkonzern Sany Heavy Industries übernimmt den Spezialhersteller von Betonpumpen im Januar 2012 und zahlt laut Finanzkreisen 320 Millionen Euro. Zuletzt setzte Putzmeister rund 570 Millionen Euro um. Die Betonpumpen aus Aichtal bei Stuttgart sind weltberühmt. Sie halfen beim Bau des Sarkophags über dem 1986 zerstörten Kernkraftwerk Tschernobyl und beim Abkühlen der havarierten Kernenergieanlage in Fukushima. Putzmeister beschäftigt 3000 Mitarbeiter.

Foto: dpa

Die Top-Ten-Hersteller kristalliner Solarmodule
Suntech ist der weltweit zu den größte Produzent im Segment kristalliner Photovoltaikmodule.Allein für das Jahr 2012 vermelden die Chinesen produzierte Kapazitäten im Umfang von 2430 Megawatt. Für das Jahr 2011 meldeten sie 2400 Megawatt und für 2010 1830 Megawatt.Das Marktforschungsunternehmen IHS iSuppli errechnete für beide Jahre eine geringere Produktionszahlen - 2185 Megawatt für 2011 und 1485 Megawatt für 2010.
Das ebenfalls aus China stammende Unternehmen Trina Solar prognostiziert für das Jahr 2012 Produktionskapazitäten von 2400 Megawatt.Das sind 500 Megawatt mehr als für 2011 und 1200 Megawatt als für 2010 prognostiziert.Die tatsächlich gemeldete Produktion unterschreitet diese Zahlen noch. Im Jahr 2011 belief sich diese auf 1702 Megawatt, 2010 auf 912 Megawatt.
Das Unternehmen Canadian Solar, mit Sitz in Ontario, ist der weltweit drittgrößte Hersteller kristalliner Solarmodule.Laut Unternehmensangaben wird für das Jahr 2012 eine Produktion von 2050 Megawatt erwartet. Die gleiche Schätzung wurde für das Jahr 2011 abgegeben, dürfte aber laut IHS iSuppli bei 1.426 Megawatt anzusiedeln sein.Auch für das Jahr 2010 differieren die Zahlen stark: Canadian Solar meldete Kapazitäten von 1300 Megawatt, IHS iSuppli berechnete nur 937 Megawatt.
Auch der Hersteller Yingli Green Energy sitzt in China, genauer in der Provinz Hebei.Die Firma erwartet für das Jahr 2012 Kapazitäten von insgesamt 2450 Megawatt. Dies wäre eine enorme Steigerung zu den Vorjahren, 2011 waren es 1700 Megawatt und 2010 1000.In beiden Jahren berechnet IHS iSuppli die Kapazitäten geringer, 2011 sind es 1121 Megawatt und 2010 937 Megawatt.
Der japanische Elektronikkonzern Sharp ist im Bereich kristalliner Photovoltaikmodule gut aufgestellt. Die Prognosen für die beiden letzten Jahre belaufen sich auf jeweils 1295 Megawatt. 2010 waren es noch 1055 Megawatt.Die von IHS iSuppli errechnete Kapazitäten fallen in beiden Jahren etwas geringer aus: 2011 kommen die Marktforscher bloß auf 963 Megawatt, 2010 auf 858 Megawatt.
Der chinesische Hersteller Hanwha SolarOne erwartet im Jahr 2012 die gleichen Kapazitäten wie im Vorjahr: 1500 Megawatt. 2010 beliefen sich die Erwartungen auf 900 Megawatt.Ähnlich schätzt auch IHS iSuppli die Werte ein, 2011 errechneten sie eine Produktion von 919 Megawatt, 2010 612 Megawatt.
Ebenfalls aus dem Reich der Mitte stammt der Konzern LDK. Für die Jahre 2012 und 2011 meldete er jeweils Kapazitäten von 2600 Megawatt. Für das Jahr davor 1500 Megawatt.Die Marktforscher von IHS iSuppli stuften die Produktion sehr viel geringer ein, sie kamen im Jahr 2011 auf 795 Megawatt, 2010 auf 610 Megawatt.
Der Jinko-Konzern prognostiziert für das Jahr 2012 1200 Megawatt an kristallinen Modulen, die gleiche Anzahl an wie Jahr zuvor. Im Jahr 2010 wurde mit 600 Megawatt knapp die Hälfte erwartet.IHS iSuppli berechnete die Produktion für 2011 auf 749 Megawatt, 2010 auf bloß 274 Megawatt.
Das Unternehmen Jabil Circuit wurde 1966 in den USA gegründet, noch heute hat es seinen Sitz in St. Petersburg, Florida.Für 2012 und 2011 erwartete das Unternehmen jeweils Produktionskapazitäten von 1020 Megawatt. Im Jahr 2010 waren es 740 Megawatt.Das Marktforschungsunternehmen IHS iSuppli kalkulierte 716 Megawatt für 2011 und 584 Megawatt für 2010.
Kleinster Hersteller unter den großen ist die deutsche Firma SolarWorld.Sie meldete für 2012 und 2011 950 Megawatt produzierte Solarmodule. Für das Jahr 2010 fiel die Angabe mit 940 Megawatt etwas geringer aus.IHS iSuppli kam bei der Berechnung der Produktion für 2011 auf 711 Megawatt, 2010 auf 546 Megawatt.

„Lokale Hersteller haben erkannt, dass sie sich durch Qualität abheben können, und deshalb teilweise große Erfolge gehabt“, sagt Dirk von Wahl, Vorstandsvorsitzender des TÜV Süd für Greater China. Und die Aufholjagd gewinnt immer mehr an Tempo. „Chinesische Unternehmen kommen unseren Produkten immer näher“, sagt Maria Xenidou, Leiterin der Klebstoffforschung von Henkel in Shanghai. Damit setzen die Asiaten die etablierten Hersteller gewaltig unter Druck. „Bevor die Chinesen zum Beispiel einen Klebstoff produzieren können, der genauso leistungsfähig ist wie ein Produkt von uns, müssen wir bereits ein neues innovatives Henkel-Produkt entwickelt haben, das sie noch nicht herstellen können.“

Zu den ersten Opfern der chinesischen Aufholjagd gehörten deutsche Solarunternehmen wie Conergy aus Hamburg und Schüco aus Bielefeld. Während deren Umsätze mit Sonnenstromtechnik 2011 um knapp 20 Prozent sanken, verdoppelte ihr chinesischer Wettbewerber Astronergy aus Hangzhou südwestlich von Shanghai 2011 seinen Umsatz auf 573 Millionen Euro – bei einem Gewinn von 25,5 Millionen Euro. „Die Solarbranche ist ein gutes Beispiel, wie chinesische Unternehmen von westlichen gelernt haben und nun eigene Qualitätsprodukte auf den Markt bringen“, sagt Astronergy-Chef Liyou Yang.

Chinesische Unternehmen griffen dieses Jahr bei zwei deutschen Betonbaumaschinen-Herstellern zu.

Foto: dpa

Er bewundert die Qualitätsstandards des deutschen Mittelstands. „Sie sind grausam, aber gut“, sagt der 50-Jährige. Liyou hat die Standards deshalb auch in seinem Unternehmen etabliert. Dafür holte er 2006 direkt nach der Gründung deutsche Experten in die Zentrale. Sechs Monate lang arbeiteten sie Tag und Nacht im Werk.

Vom deutschen Perfektionismus

Liyou erlebte den Umbau zum Qualitätshersteller als einen einzigen Leidensprozess. Die deutschen Fachleute zeigten den chinesischen Arbeitern immer wieder ihre Grenzen. Sie scheiterten zunächst immer wieder daran, die hohen Qualitätsstandards einzuhalten. „Die Mentalität ist einfach eine andere“, sagt Liyou. „Wenn Chinesen etwas perfekt finden, erkennt der Deutsche immer noch Details, die sich verbessern lassen.“

Heute sind die deutschen Qualitätsvorstellungen in Liyous Fabrik Standard: „Das schreibt uns der Markt vor, um im Wettbewerb zu bestehen“, sagt er. Was Liyou im Kleinen durchlebte, erlebte China im Großen, nachdem der langjährige Premierminister Zhou Enlai das Land Ende der Siebzigerjahre für die Marktwirtschaft öffnete. Unter den Ersten, die deutsche Mittelständler ins Visier nahmen und sich ihrer bedienten, war Haier. Zhang Ruimin, der heute noch Vorstandsvorsitzender ist, übernahm vor etwa einem Vierteljahrhundert die Kühlschrankfabrik im ostchinesischen Qingdao.

Eine Geschäftsreise nach Deutschland führte ihm die ernüchternde Qualität der eigenen Produkte vor Augen. Zurück in China ließ er Arbeiter mit Vorschlaghämmern 76 defekte Kühlschränke zerschlagen. Um hochwertige Geräte zu produzieren, ging Ruimin ein Joint Venture mit dem deutschen Kühlgerätebauer Liebherr ein.

China in Shoppinglaune

Das Beispiel, auf diese Weise von westlichen Unternehmen Know-how abzuschöpfen, machte Schule. Lange waren solche Kooperationen für ausländische Unternehmen, die auf den chinesischen Markt drängten, Pflicht. Doch seit dem Jahr 2001 baut China seine Joint-Venture-Verpflichtungen schrittweise ab. An ihre Stelle tritt nun eine neue Strategie, auf die sich die deutschen Mittelständler gefasst machen müssen: die direkte Übernahme.

Nicht nur Haier geht jetzt so vor, zuletzt durch den Kauf des japanischen Elektronikherstellers Sanyo. Auch in Deutschland gehen chinesische Unternehmen auf Einkaufstour. Die Regierung des Riesenreichs unterstützt die Übernahmen. Im Fünfjahresplan ist explizit festgehalten, dass chinesische Unternehmen mehr ausländische Produzenten aufkaufen. Für Schlagzeilen sorgte der geplante Kauf der ThyssenKrupp-Tocher Taylored Blanks durch Wuhan Iron and Steel und der mögliche Einstieg der Shandong Heavy Industry beim Wiesbadener Gabelstaplerbauer Kion.

Krisenfirma BYD

Chinas Elektroauto-Traum ist geplatzt

von Philipp Mattheis

Der Investor Marc Faber ist für seine ökonomischen Prognosen weltweit bekannt. Für Asien skizziert er ein Szenario, dass China nicht gefallen wird.

In seinem Blog fasst er dies so zusammen: "I don’t think that in Asia at the present time there is any economic growth."

Foto: Andreas Chudowski für WirtschaftsWoche

Brasilien, Chile, Argentinien. Das Wachstum in den Rohstoffländern, den Lieferanten von China, geht zurück. Diese wiederrum haben dann weniger Geld, um chinesische Waren zu kaufen.

Foto: dapd

Egal ob Aluminium, Kupfer oder Stahl- Chinas Rohstoffkonsum sinkt. Laut einer Studie des Instituts für internationale Wirtschaftspolitik an der Universität Bonn wird der Rohstoffverbrauch nicht mehr so stark steigen wie in den 20 Jahren zuvor.

Foto: IVAN ALVARADO

Ein weiterer Indikator für die ökonomische Stagnation sind die Zahlen Taiwans und Süd-Koreas. Der Export beider Länder, der auf China ausgerichtet ist, weist ein rückläufiges Exportwachstum auf.

Foto: dpa/dpaweb

Westlich von Hong Kong liegt die Sonderverwaltungszone der Volksrepublik China, besser bekannt als Macau, Asiens Monte Carlo. Zwar steigen die Gesamtumsätze jedoch sinkt das Umsatzwachstum der Vermittler (Junkits), also derjenigen, die die Glücksuchenden nach Macau in die Casinos bringen.

Foto: REUTERS

Louis Vuitton, Gucci, Prada. Die Luxusbranche kann sich nicht beklagen, zumindest nicht in Europa. Laut Fabers Prognose jedoch geht der Konsum von Luxusgütern zurück.

Foto: AP

Laut Fabers Einschätzung steigt der Stromverbrauch kaum noch. Weitere Studien geben ihm Recht. Im Vergleich zu 2011 sank das Wachstum des vierteljährlichen Energieverbrauchs um 5,9 Prozent.

Foto: REUTERS

Die Baoshan Iron & Steel Co. verzeichnet einen Rückgang ihres Netto-Profits von 43 Prozent. Das Unternehmen ist nicht unbekannt, gehört es doch der Shanghai Baosteel Group Corporation an, Chinas zweitgrößten Stahlproduzenten.

Foto: REUTERS

Auch die chinesische Bevölkerung spürt den Abschwung. Viele leisten sich nicht mehr das teure amerikanische Fast-Food. Statt Cheeseburger heißt es wieder Chop Suey. Dies hat auch negative Auswirkungen auf den Umsatz amerikanischer Ketten.

Foto: AP

Das besondere Interesse der Chinesen gilt jedoch Familienunternehmen und versteckten Weltmarktführern, den sogenannten Hidden Champions. So griffen chinesische Firmen dieses Jahr bei zwei traditionsreichen Betonmaschinenherstellern zu. Sany kaufte zu Jahresbeginn das Familienunternehmen Putzmeister und die Xuzhou Construction Machinery Group übernahm im Juli die Mehrheit am Konkurrenten Schwing. Das gleiche Bild zeigt auch sich in anderen Branchen: Der PC-Hersteller Lenovo kaufte etwa die börsennotierte deutsche Elektronikfirma Medion und der Pekinger Autozulieferer Hebei Lingyun Industrial den westdeutschen Autoschlossbauer Kiekert.

Nicht in allen Branchen besitzen chinesische Produzenten schon hohe Innovationskraft. So scheint ein Leuchtturmprojekt der chinesischen Regierung zum Scheitern verurteilt: Der geplante Boom der Elektromobilität bleibt wohl aus. Bis 2015 sollten eine halbe Million Elektroautos auf Chinas Straßen rollen, doch seit 2009 wurden nur 6.700 dieser Fahrzeuge verkauft.

Mitsubishi

1082 Patente meldete der Autobauer im vergangenen Jahr beim Europäischen Patentamt an. Unter den Top 50 der erfindungsreichen Unternehmen sind zwar 18 asiatische Firmen vertreten, Mitsubishi ist unter den Top 10 jedoch das einzig japanische Unternehmen. Und das, obwohl die japanischen Tüftler mit 19 Prozent der Patentanmeldungen auf den zweiten Platz des Patent-Länderrankings kommen.

Foto: dpa/dpaweb

Ericsson

Von Ericsson kamen 1148 Patentanmeldungen beim Europäischen Patentamt. Macht Platz neun im Ranking.

Foto: REUTERS

Bosch

Auch aus Baden-Württemberg landen viele Anmeldungen bei der zuständigen Stelle: 1192 Erfindungen ließ sich das Unternehmen im letzten Jahr schützen. Damit landet der Autozulieferer auf Platz acht.

Foto: dpa

General Electrics

1325 im vergangenen Jahr patentierte Erfindungen bescherten General Electrics Platz sieben unter den Erfindern.

Foto: AP

Qualcomm

Das kalifornische Forschungs- und Entwicklungsunternehmen Qualcomm beschäftigt sich hauptsächlich mit Kommunikationstechnologien wie E-Mails und Mobilfunk. So arbeitet das Unternehmen unter anderem an der Entwicklung des Globalstar-Satellitensystems und überwacht und verkauft das E-Mail-Programm Eudora. Im Jahr 2011 meldete Qualcomm 1482 Technologien und Produkte beim Patentamt an.

Foto: REUTERS

LG Group

Mit LG sind insgesamt zwei koreanische Unternehmen unter den Top 10. Südkorea ist im Ländervergleich die Nummer fünf in puncto Patentanmeldungen. Südkoreanische Firmen ließen sich 2011 deutlich mehr Marken und Ideen schützen als noch 2010. Die LG Group selbst wurde 1493mal beim Europäischen Patentamt vorstellig.

Foto: AP

BASF

Das deutsche Unternehmen BASF hat sich 2011 insgesamt 1638 Ideen patentieren lassen. Mit BASF befinden sich im Übrigen fünf europäische Unternehmen unter den ersten zehn.

Foto: CLARK/obs

Samsung

Der bronzene dritte Platz geht an das südkoreanische Technologieunternehmen Samsung. 1733 Patente meldete Samsung 2011 an. Im Vorjahresranking hatte BASF noch den dritten Platz inne.

Foto: REUTERS

Philips

Auf Platz zwei steht der niederländische Konzern Philips mit 1759 Patentanmeldungen.

Foto: REUTERS

Siemens

Siemens ist Meister beim Erfinden. Wie das Europäische Patentamt mitteilte, hat der Münchner Elektronikkonzern seinen Spitzenplatz mit 2235 Anmeldungen im vergangenen Jahr ausgebaut.

Foto: dpa

Eine Studie der Unternehmensberatung McKinsey resümiert, dass chinesische Elektromobile erst in zehn Jahren wettbewerbsfähig sein werden. Zudem hat ein schwerer Autounfall in der Stadt Shenzhen die chinesischen Kunden stark verunsichert. Bei einem Zusammenstoß mit hoher Geschwindigkeit ging ein Elektrotaxi in Flammen auf, die drei Insassen starben.

Entwicklung der Anteile an Patentanträgen (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Foto: WirtschaftsWoche

Noch fährt die gesamte chinesische Automobilindustrie technisch hinterher. Über lange Jahre war sie nicht auf Massenproduktion ausgelegt, die Hersteller fertigten nur wenige noble Karossen für die Elite. „China muss in der Automobilindustrie vieles aufholen, die Deutschen sind deutlich erfahrener“, sagt Zhang Yi, Manager des Shanghaier Automobil-Museums.

Geschätzte Zulieferer

Chinesische Unternehmen lernten zwar schnell von ausländischen Konkurrenten, sagt Zhang: „Doch es ist noch ein weiter Weg, bis unsere Produzenten mithalten können.“ Da sich selten Gelegenheiten ergeben, komplette Autobauer zu erwerben wie beim Kauf des schwedischen Autobauers Volvo durch den Automobilkonzern Geely, sind chinesische Unternehmen seit einigen Jahren intensiv auf der Suche nach mittelständischen Zulieferern.

Fündig wurden sie in Deutschland. Der Zierteilehersteller Sellner im fränkischen Heilsbronn, der Kontrollsystemproduzent Preh in Neustadt an der Saale und der Dichtungsspezialist Saargummi gingen in den vergangenen 18 Monaten in chinesische Hände, ebenso wie der Leichtmetallbauer KSM Castings in Hildesheim .

Inzwischen haben viele Unternehmen aus dem Reich der Mitte gezeigt, wie schnell sie aufholen können. Bei einer Umfrage der Unternehmensberatung Euro Asia Consulting gaben knapp drei Viertel der 1.000 befragten deutschen Führungskräfte an, dass chinesische Unternehmen in der Qualität ihrer Produkte zunehmend zu deutschen Unternehmen aufschließen. 17 Prozent sahen sogar keinen Qualitätsunterschied mehr zwischen den Produkten der beiden Staaten.

Übersicht zur Entwicklung der Patentanmeldungen in China und Deutschland (zum Vergrößern bitte Bild anklicken)

Foto: WirtschaftsWoche

Industriespionage

Know-how-Klau – China legt den Schalter um

von Rebecca Eisert

Dass die Expertise der Chinesen beständig wächst, zeigt auch die Zahl der Patentanmeldungen. Laut World Intellectual Property Organization (WIPO) verzeichnete China 2010 über 293.000 Patentanmeldungen – 11-mal so viel wie im Jahr 2000. Das sind knapp ein Fünftel aller Anmeldungen weltweit, nur die USA liegen mit 24,8 Prozent noch knapp auf Platz eins. Allerdings sieht AHK-Chef Christoph Angerbauer dabei noch mehr Masse als Klasse: „Die Definition von ‚neu‘ wird hier sehr breit ausgelegt“, sagt er. „Viele Patentanträge würden in Deutschland gar nicht durchgehen.“

Dennoch: Auch ohne die vielen Pseudopatente bleibt China einer der führenden Forschungs- und Entwicklungsstandorte weltweit. Viele deutsche Unternehmen haben erkannt, dass es besser ist, die Potenziale des größten Landes der Erde zu nutzen, statt verängstigt auf die chinesischen Konkurrenten zu starren.

Etwa jedes zehnte Unternehmen, das sich in China niederlässt, investiert am neuen Standort in Forschung und Entwicklung, ist das Ergebnis einer Untersuchung des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung (ISI) in Karlsruhe. In der Regel bauen die Neuankömmlinge drei bis fünf Jahre nach dem Anlauf der Produktion in China Entwicklungsabteilungen auf.

In China forschen

Vorreiter bei diesem Trend sind noch die Konzerne. So fördern Volkswagen und Bosch Stiftungsprofessuren an der Shanghaier Tongji-Universität. BMW hat im April zwei neue Entwicklungszentren in Shanghai eröffnet. Siemens Corporate Technology China, in den die regionalen Forschungsaktivitäten von Siemens zusammenfasst sind, wurde sogar von dem chinesischen Wirtschaftsmagazin „Global Entrepreneur“ in drei aufeinanderfolgenden Jahren zum besten Forschungs- und Entwicklungszentrum des Landes gekürt.

Doch auch mittelständische Unternehmen haben begonnen, im bevölkerungsreichsten Land der Welt Entwicklungszentren aufzuziehen. Der Münchner Elektronikhersteller Spinner, ein Mittelständler mit 1.300 Mitarbeitern, richtete bereits vor fünf Jahren in seiner Shanghaier Niederlassung eine Entwicklungsabteilung ein. Auch der hessische Heizungsbauer Viessmann forscht in China.

Deutsche Mittelständler sollten sich nicht von den Exporterfolgen ihrer Qualitätsprodukte blenden lassen, warnen Experten. Für AHK-Chef Angerbauer ist klar, dass chinesische Unternehmen sich davon ohnehin nicht aufhalten lassen: „China war 5.000 Jahre lang eine Weltmacht, nur in den letzten 200 Jahren nicht. Aus Sicht der Chinesen pendelt sich gerade nur das natürliche Gleichgewicht wieder ein.“

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